Nie wieder als Holocaustrelativierung | Ein Text von Joel Franke

Schon seit geraumer Zeit gibt es an der TU Dresden eine Diskussion um die Zivilklausel, also ob die TU Dresden militärische Forschung in ihren Einrichtungen erlaubt oder sich verpflichtet, Forschung und Lehre ausschließlich an zivilen Zwecken auszurichten.[1] Diese Kontroverse entflammte nun neu, als ein Drittmittelauftrag der TU von Elbit-System mit Dual-Use-Bezug (also Forschung, deren Ergebnisse zivil wie auch militärisch angewendet werden können) bekannt wurde. Vor diesem Hintergrund veranstaltete der SDS einen Vortrag über die Militarisierung der Unis mit Ole Nymoen und Simon David Dressler. Zur Bewerbung dieser Veranstaltung veröffentlichte der SDS Dresden auf seinem Instagram-Account ein Reel, welches schockierte. Insbesondere dieser von der Sprecherin vorgetragene Satz hat es in sich: Der Beitrag ruft zuerst die Karriere der Bezeichnung »Antisemitismus« in Erinnerung. Diese begann als eine mit Stolz verwendete Selbstzuschreibung, die den Träger von religiösen Feindseligkeiten abgrenzen sollte. »Antisemit, das war jemand, der gegen die Juden aufgrund ihrer Rasse vorging, nicht aufgrund ihres Glaubens. Ein Antisemit, so dachte [der bekennende Antisemit Theodor Fritsch], war eben auch ein Humanist, kein Barbar.« Erst nach dem Zweiten Weltkrieg führte der Schrecken über die Schoah dazu, dass »Antisemitismus« als Selbstbezeichnung in Verruf geraten ist. Heute bekennt sich fast niemand mehr dazu.

»Die Technische Hochschule Dresden war damals schon zur NS-Zeit ein bereitwilliger Kollaborateur des nationalsozialistischen Regimes. Heute forscht die TU Dresden an israelischen Kampfdrohnen, um die totale Zerstörung in Gaza und im Libanon weiter voranzutreiben, und erweist sich damit erneut als verlässlicher Komplize genozidaler Akteure.«[2]

Das Video stellt Nazideutschland nicht nur mit Israel, dem faktischen Schutzstaat der Jüd*innen, welchen maßgeblich jüdische Opfer des Nationalsozialismus errichteten, in eine Reihe, sondern setzt sie mit den beendenden Worten »Nie wieder ist jetzt!« auch noch implizit gleich. Damit relativiert es nicht nur den Nationalsozialismus und den Holocaust, sondern wärmt auch das alte antisemitische Märchen auf, dass die wahren Nazis schon immer die Juden waren.

Es gibt viele gute Gründe, für eine Zivilklausel an der Uni einzutreten. Keiner davon braucht NS-Relativierung. Während es die ethische Aufgabe jeder Wissenschaftler*in ist, die Konsequenzen der eigenen Forschung abzuwägen und Schaden an Menschen zu vermeiden, bleibt es ein meilenweiter Unterschied, Militärforschung zu betreiben für ein Regime, dessen Endzweck die Ermordung aller Jüd*innen ist, oder für einen Staat, der sich selbst gegen einen genozidalen Angriff verteidigt.

Auch wenn Werbung bekanntlich zu Übertreibungen neigt, macht es das nur noch schlimmer, denn der SDS benutzt für diesen manipulativen Werbetrick ausgerechnet die Shoah und das NS-Gedenken. Die Besonderheit des Holocausts und des NS wird bei solch manipulativer Übertreibung natürlich komplett eingeebnet und das, obwohl ironischerweise im »Nie wieder ist jetzt!« der Holocaust als Begründung für das eigene politische Handeln dient. Die Nazis nahmen den Häftlingen im KZ jegliche Individualität und Besonderheit, um sie zu verwalten und die Jüd*innen unter ihnen schließlich als identitätslose Masse zu vernichten. Das Gedenken an die NS-Opfer versucht daher, diesen wieder eine Identität zurückzugeben. Indem das NS-Gedenken die Namen der Opfer ausspricht, ihre Biographien erzählt, werden die Opfer des NS wieder zu Personen mit Würde. Zynischerweise muss man aus diesem Blickwinkel sagen, dass der SDS die Opfer des NS als Werbematerial für die eigene politische Praxis missbraucht.

Nun sind Parolen in der Regel nicht besonders präzise und das gilt auch für »Nie wieder ist jetzt!« Deshalb ist an dieser Parole schon vor Jahrzehnten ein großer Streit entsprungen, was das »Nie wieder« eigentlich heißen soll. Geht es um einen partikularistischen Aufruf, einen zweiten Holocaust gegen Juden zu verhindern, oder wendet sie sich universal gegen jede Form von Völkermord? Der Spruch entstand um die Befreiung des KZ Buchenwalds, er steht damit in direktem Bezug zur spezifischen Erfahrung der NS-Opfer. Obwohl er sehr gerne zur Warnung und als Imperativ im Kampf gegen jeglichen politischen Extremismus und Rassismus wie auch Antisemitismus verwendet wird, so lässt der Satz sich nicht von der Spezifik des NS und den konkreten Erfahrungen seiner Opfer trennen.

Eine Spezifik des NS und eines seiner ideologischen Kernstücke ist eine neue Form des Antisemitismus, in der die Vernichtung der Juden zum Selbstzweck des NS-Regimes wurde. Vor dem NS war eine der Hauptfunktionen des Antisemitismus die emotionale Triebentladung fürs seelische Gleichgewicht der Antisemit*innen. Im NS entsteht hingegen ein »Antisemitismus der Vernunft« (Hitler), der die emotionale Entladung im Pogrom missbilligt und stattdessen rationale und bürokratische Mittel bevorzugt, um die Jüd*innen zu entfernen bzw. nach der Wannseekonferenz zu vernichten. Nicht aus Streben nach Macht oder Profit, sondern um sich selbst und die Welt vom Juden zu erlösen. Dieser neue eliminatorische Erlösungsantisemitismus führte bekanntlich zum Bau von Todesfabriken wie Auschwitz, in denen alle Jüd*innen industriell vernichtet werden sollten. Der Irrsinn dieses zweckrationalen »Antisemitismus der Vernunft« zeigt sich darin, dass er nicht nur triebökonomisch und auch finanziell ein Verlustgeschäft war, sondern in Form des Vernichtungsprozesses die Nazis behinderte, den Weltkrieg zu führen. In anderen Worten: Der eliminatorische Antisemitismus war dem NS wichtiger als die eigene Selbsterhaltung.

Der Ausspruch »Nie wieder« zielt auf genau diesen spezifischen Sachverhalt, den Antisemitismus des NS als sein ideologisches Kernstück, der in der Shoah kulminierte. Der Satz erhält seine moralische Begründung aus dieser historischen Erfahrung. Diese Spezifik nun einzuebnen, indem man ihn simpel auf Diskriminierung aller Art oder unterschiedslos auf Völkermorde insgesamt anwendet, bedeutet die Verdeckung des eigentlichen moralischen Grunds des Satzes. Ein moralischer Grund, der auf die spezifische Perfidie und den Wahnsinn einer industriell organisierten Massenvernichtung als Selbstzweck verweist. 

Als industrielle Massenvernichtung bleibt der Holocaust bisher einmalig. Es ist etwas anderes – um einmal intellektuell ehrliche Genozidvergleiche anzustellen –, wie in Ruanda (1994) mit Macheten 800.000 bis eine Million Menschen zu ermorden oder wie beim Holodomor ein ganzes Land durch eine wissentlich herbeigeführte Hungersnot verhungern zu lassen, oder einen arbeitsteiligen, maschinell unterstützten und rationalisierten Vernichtungsprozess zu konzipieren, konkret zu planen, zu organisieren und durchzuführen. Der marxistischen Philosophie zufolge bestimmt die soziale Praxis der Menschen deren Bewusstsein. Dieser Überlegung entsprechend schuf die selbstzweckhafte Vernichtungspraxis des NS ein Bewusstsein, das jegliche Philosophie der Falschheit überführte. Der Auschwitzüberlebende Jean Amery führt das in seinem Buch »Jenseits von Schuld und Sühne« aus.

»Ich erinnere mich eines Winterabends, als wir uns nach der Arbeit im schlechten Gleichschritt unter dem entnervenden ›links zwei drei vier‹ der Kapos vom IG-Farben-Gelände ins Lager zurückschleppten und mir am halbfertigen Bau eine aus Gott weiß welchem Grunde davor wehende Fahne auffiel. ›Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen‹, murmelte ich assoziativ-mechanisch vor mich hin. Dann wiederholte ich die Strophe etwas lauter, lauschte dem Wortklang, versuchte dem Rhythmus nachzuspüren und erwartete, daß das seit Jahren mit diesem Hölderlin-Gedicht für mich verbundene emotionelle und geistige Modell erscheinen werde. Nichts. Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht mehr. Da stand es und war nur noch sachliche Aussage: so und so und der Kapo brüllt ›Links‹, und die Suppe war dünn, und im Winde klirren die Fahnen.«[3]

Die Kraft der Worte versagte in Auschwitz. Die westliche Philosophie, die einmal die Geschichte als Realisierung der Vernunft verstand und den Menschen seinem Begriff nach verwirklichen wollte, hat sich davon nie wieder erholt. Es sind gerade diese Momente, die den Holocaust so präzedenzlos machen.

Das heißt aber gerade nicht, wie Kritiker*innen der These einer Singularität der Shoah vorwerfen, dass man in einer Opferolympiade Leiden aufrechnen und den Holocaust als Sieger krönen könnte. Dies wäre ja gerade die Gleichsetzung durch Quantifizierung. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Es geht darum, das Leiden von Menschen sowie die Einzigartigkeit von Ereignissen in ihrer qualitativen Besonderheit nicht einzuebnen, sondern die individuelle Spezifik aufzuzeigen. Die Situation in Gaza ist schlimm, sie ist schrecklich, eine chronische Unterversorgung an Hilfsgütern, ein komplett ausgebombter Landstrich, anhaltende Kampfhandlungen zwischen Israel und Hamas, in denen unzählige palästinensische Zivilisten sterben. All das ist nicht auszuhalten – es ist aber keine industrielle Massenvernichtung. Es ist kein Holocaust. Wenn die Lage doch aber so schon schlimm genug ist, wozu bedarf es der Gleichsetzung mit dem Holocaust? Der SDS Dresden ist mit einer solch merkwürdigen Analogisierung auch nicht allein.

Ausgehend von der zunehmenden Bedeutung des Postkolonialismus gibt es ein Erstarken politischer Bewegungen, welche koloniale Verbrechen stärker in den Fokus rücken wollen. Innerhalb dieser wichtigen Debatten und Diskurse entstand auch der sogenannte Historikerstreit 2.0. Während es schon im ersten Historikerstreit um die Frage ging, ob der Holocaust singulär oder doch bloß eine Reaktion auf die stalinistischen Menschheitsverbrechen war, so geht es im zweiten wieder um die Singularität des Holocausts, diesmal aber hinsichtlich kolonialer Verbrechen. Dabei wird von postkolonialer Seite der Holocaust als Folge des europäischen Kolonialismus erklärt und die Behauptung der Singularität als eine partikularistische Inbesitznahme von Wiedergutmachung verstanden. Es sei dies ein Missbrauch des Holocausts und seines Gedenkens für eigene Zwecke und ein Ausschluss der Opfer anderer Verbrechen. Dagegen wird die Forderung laut, eine universale Erinnerungskultur zu etablieren, die alle Opfer aller Verbrechen mit einschließt. Als ein Grund für die Notwendigkeit wird unter anderem die neue gesellschaftliche Realität Deutschlands als Einwanderungsland angeführt, da Migrant*innen ganz eigene Opfergeschichten besäßen und sich nicht mit der »deutschen Schuld« identifizieren könnten.

Naiv könnte man jetzt meinen, dass das doch alles sinnvolle Forderungen sind. Natürlich sollte allen Opfern gedacht werden und keine Opfergruppe sollte von der Wiedergutmachung ausgeschlossen werden. Auch ist unsere Aufmerksamkeitsökonomie, wie im Vorwurf implizit ausgesprochen, tatsächlich nicht unendlich, was realistischerweise zu einer Begrenzung des Gedenkens führen muss. Das Jahr hat schließlich nur 365 Tage, an denen eines Menschheitsverbrechen und seiner Opfer gedacht werden kann. Korrekt ist auch, dass die Erinnerungskultur eine politische Dimension aufweist, die durchaus kritikwürdig sein kann. Wer, wem, wie und an was gesellschaftlich erinnert wird, hat Auswirkungen auf das Selbstbild einer Gesellschaft und legitimiert oder delegitimiert verschiedene Politiken.

Nun mutet aber merkwürdig an, gegen wen sich diese Kritik richtet. Nämlich nicht primär gegen den Rechtsnachfolger des 3. Reichs, sondern gegen eine der Opfergruppen und ihre Nachfahren. So wird die BRD nicht dafür angegriffen, das Gedenken an die eigenen Kolonialverbrechen unterdrückt zu haben. Die Kritik richtet sich gegen das Gedenken an die Shoah, die jüdischen Opfer sowie ihre Nachfahren, die unter anderem auch für die Entstehung und den Erhalt dieses Gedenkens gekämpft haben. Der Vorwurf lautet, das Gedenken für sich zu horten. Die Opferkonkurrenz, die sie kritisiert, bringt sie dadurch erst hervor. Auch wird in dieser Sichtweise nicht problematisiert, dass die BRD als der Rechtsnachfolger des NS seine staatliche Legitimität über rein symbolische Gedenkakte an diese Verbrechen gewinnt, wobei die tatsächliche finanzielle ›Wiedergutmachung‹ der Verbrechen des NS (und eben auch des deutschen Kolonialismus) bis heute sehr oft hinten runterfällt. Stattdessen gilt als kritikwürdig, dass Deutschland zu diesem Zweck vorgibt, besonders loyal zu Israel zu stehen. Es wird also das Mittel problematisiert und nicht der perverse Zweck, dass Deutschland aus seinen Verbrechen noch die eigene Legitimität ziehen will. Ab hier wird dann auch schnell klar, worum es diesen Kritiken geht bzw. worum es ihnen nicht geht. Es geht weniger um eine tatsächliche Kritik an Deutschlands Umgang mit den eigenen kolonialen Verbrechen oder um die Frage, wie ein sinnvolles Gedenken an Menschheitsverbrechen aussehen müsste, sondern um den Nahostkonflikt.

Obwohl von Antizionisten ständig betont wird, dass Israel nicht der Staat der Überlebenden der Shoah sei, lässt sich regelmäßig beobachten, dass Antizionisten selbst immer wieder eine merkwürdige Parallele zwischen der Shoah und Palästina ziehen, so als könnten sie den Nahostkonflikt gar nicht von der Shoah trennen, was den Eindruck einer pathischen Verschiebung erweckt. Dem Staat, in den faktisch viele Shoah-Überlebende nach 1945 einwanderten, werden jetzt selbst Verbrechen auf dem Niveau des Holocausts vorgeworfen, was einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr gleichkommt, die antisemitische Motive bedient. Diese Verschiebung lässt sich auch für den Historikerstreit 2.0 und eben auch für den Dresdner SDS konstatieren. Inwieweit der SDS Dresden nun aus genuinen Antisemit*innen besteht oder ob sie einfach nur nachplappern, was die antizionistische Bewegung ihnen vorkaut, lässt sich aufgrund eines kurzen Clips nicht beurteilen, ist aber letztlich auch irrelevant. Was zählt, ist die Verbreitung antisemitischer Ressentiments.

Was sich dagegen beurteilen lässt, ist der falsche Universalismus, auf dem diese ›Kritik‹ am Gedenken und diese Benutzung des »Nie wieder« beruht. Das Ziel des Universalismus war einst, den Einzelnen in seiner Individualität mit dem Allgemeinen so zu vermitteln, dass seine individuelle Besonderheit im Allgemeinen erhalten bleibt. Der falsche Universalismus nivelliert dagegen jegliche Besonderheit und fasst die vielen Einzelnen aufgrund einer willkürlichen Gemeinsamkeit zusammen, indem er die besonderen Unterschiede der Einzelnen ausschließt. Konkret heißt das für diese Debatte: Statt den Holocaust in seiner Besonderheit in die weltgeschichtliche Schlachtbank einzuordnen und ihn als ein spezifisches Moment innerhalb dieser allgemeinen Gewaltgeschichte zu begreifen, wird der Holocaust aufgrund seines Charakters als Genozid, ohne Differenzen zu markieren, mit allen anderen Völkermorden in einen Topf geworfen und zu unterschiedsloser abstrakter Gewalt reduziert. Nun gibt es tatsächlich eine wissenschaftliche Disziplin der vergleichenden Völkermordforschung, die aber nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern – wie es in einem Vergleich eigentlich üblich ist – auch Unterschiede zwischen Genoziden feststellt. Es sind unter anderem Forschende dieser Disziplin, die darauf hinweisen, dass die Singularität des Holocaust überhaupt erst durch den Vergleich mit anderen Völkermorden erkannt werden kann. Diesen Fakten zum Trotz wird auch im Historikerstreit 2.0 immer wieder behauptet, es gäbe ein Tabu des Holocaustvergleichs, das es zu brechen gelte, was nicht zufällig an den rechten Topos der angeblich fehlenden Meinungsfreiheit erinnert.

Was heißt das jetzt? Darf »Nie wieder« nur noch als Warnung vor einem zweiten Holocaust verwendet werden? Ist jede universal gültige Moral, die man aus dem Holocaust ziehen könnte, grundsätzlich falsch? Das Ideal des Universalismus war von Anfang an, das Partikulare im Allgemeinen aufzuheben, sodass Besonderes und Allgemeines nicht mehr im Widerspruch zueinander stehen. Dies war seit der Aufklärung seine Hoffnung. Die Nazis selbst drehten den Spieß um. Indem sie Menschen unabhängig von deren Selbstverständnis zu »Juden« abstempelten, um diese letztlich zu vernichten, blamierten sie die liberale Idee allgemeiner Menschlichkeit als bloße Lüge. Ein echter Universalismus, der aus dem Holocaust hervorgeht, kann daher nur durch die individuelle Erfahrung seiner Opfer hindurch entstehen. Dies geschieht, indem die Erfahrung der Lüge von allgemeiner Menschlichkeit nicht abgewehrt, sondern zur Spitze der Kritik gegen den falschen Universalismus wird. Der falsche Universalismus, der die Nazis nicht aufhielt, sondern eine Welt erschuf, in der der Holocaust möglich war und auch immer noch möglich ist, kann daher nur ein falscher Freund sein. Heutzutage tritt dieser Universalismus im Spruch »Nie wieder für alle« auf, der ganz gezielt Jüd*innen ausschließt, wenn er das genozidale Massaker der Hamas an Jüd*innen am 07. Oktober ausblendet oder gar als Widerstand verklärt und stattdessen dem Staat, der diesem Massaker ein Ende setzte, einen neuen Holocaust vorwirft.

Der Dresdner SDS nun hat den Spruch genau so verwendet. Sollte der Spruch einst ein Imperativ sein, um einen weiteren Holocaust zu verhindern und Jüd*innen zu schützen, so wird sich heute von antizionistischer Seite beschwert, dass israelische Politiker*innen das Hamas-Massaker mit dem NS assoziieren, während sie gleichzeitig die Verbindung selbst hinsichtlich des Kriegs gegen die Hamas in Gaza ziehen. Dass das »Nie wieder« gegenwärtigen jüdischen Opfern verwehrt wird, nur um es dann gegen den Staat zu richten, der antisemitische Angriffe auf seine Staatsbürger abwehrt, sollte einen mindestens stutzig machen. Unabhängig davon, ob man nun denkt, in Gaza finde ein Völkermord statt oder nicht, die perverse Verwendung des »Nie wieder« gegen Menschen, die aus genau der Opfergruppe stammen, der dieser Satz einmal gegolten hat, lässt sich nur als Antisemitismus verstehen. Und gerade weil dies gegenwärtig so häufig passiert, ist nie wieder jetzt.


[1] Dieser Text hat argumentative Überschneidungen mit dem Text »Nie wieder was?« des Referats für Politische Bildung des StuRa der TU Dresden, da eine enge inhaltliche Zusammenarbeit stattfand.

[2] Reel zu finden unter: https://www.instagram.com/p/DbBuCocgVTM/

[3] Améry, Jean (2023): Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart: Klett-Cotta: 28