Aufhören! (Kein)Kongress

Im Verhältnis des Einzelnen zum Körper, seinem eigenen wie dem fremden, kehrt die Irrationalität und Ungerechtigkeit der Herrschaft als Grausamkeit wieder, die vom einsichtigen Verhältnis, von glücklicher Reflexion so weit entfernt ist, wie jene von der Freiheit.“ (Dialektik der Aufklärung, S. 247)


„In der Selbsterniedrigung des Menschen zum corpus rächt sich die Natur dafür, daß der Mensch sie zum Gegenstand der Herrschaft, zum Rohmaterial erniedrigt hat.“ (Ebd.) 

Unseres Erachtens zeigen sich sowohl Notwendigkeit als auch Drang zur Kritik in der
Alltäglichkeit von Leiderfahrungen, denn diese sind nicht zufällig oder bloß privat, sondern Ausdruck des objektiven Zwangs zur Identifikation mit dem gesellschaftlichen Ganzen. Unter dem Diktat der selbstgeschaffenen abstrakten Herrschaft und den damit einhergehenden Imperativen zu Disziplinierung und Kontrolle von Psyche und Körper –schon diese Resultat jener – muss sich in einer durch Tausch, allseitiger Konkurrenz und (Selbst-)Verwertung strukturierten Gesellschaft behauptet werden.

Dabei nehmen wir an, dass Geschichte und Gegenwart von der Tatsache gezeichnet sind, dass Leid nicht sein soll und doch alltägliche Normalität ist. Es steht eben nicht außerhalb des Alltags, sondern wird in seinem Inneren produziert und verwaltet. Diese (scheinbare) Aporie gerinnt im geschichtslos gewordenen neoliberalen Denken zu einem Dogma, das sie als naturwüchsig und mithin als alternativlos erscheinen lässt. Die (Selbst-)Unterdrückung des Körpers ist Teil der Naturbeherrschung, die Adorno und
Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Grundbewegung bürgerlicher Subjektwerdung beschrieben haben. Die Konstitution des autonomen Ichs ist verschränkt mit der Unterwerfung innerer und äußerer Natur. Herrschaft reproduziert sich so im Selbstverhältnis der Subjekte.

Die Erfahrungen von Leid, Erschöpfung, Angst, diffusem Unbehagen und dem Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“, dass eine innere Leere sich immer wieder geltend macht, verweisen darauf, dass die Identifikation des Einzelnen mit dem Ganzen nicht restlos aufgeht. Gleichwohl werden auch jene Erfahrungen psychologisiert und funktionalisiert. Ob in therapeutischen Settings, Resilienztrainings oder Achtsamkeitsprogrammen – vielfach geht es darum, Subjekte schlicht wieder arbeits- und konkurrenzfähig zu machen, wobei das Leiden individualisiert und ent-gesellschaftet wird: seine Ursachen verschwinden hinter medizinischen Diagnosen und Selbstoptimierungsimperativen, die sich heute auch als vermeintliche Zartheit tarnen können.

Um diesem Elend als vereinzelte Einzelne zu entfliehen, wird sich immer wieder auch in der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identifikation mit konsumierbaren Bildern und Vorstellungen ergangen, um sich selbst einreden zu können, dass man doch etwas Besonderes oder Teil von etwas Höherem ist. Hierin zeigt sich aber auch die Relevanz unserer Fragestellung: Lässt sich durch die Kritik der als vereinzelt daliegenden Leiderfahrungen deren allgemeiner Anteil freilegen? Kann die Hinwendung zu konkreten, uns immer auch selbst betreffenden Alltagserfahrungen einen Zugang zur gesellschaftlichen Totalität eröffnen – ohne diese als unmittelbare zu fetischisieren, als etwas Authentisches zu verklären oder bloß moralisch zu überhöhen? Wenn Kritik heute noch möglich ist, dann vielleicht dort, wo die Identifikation mit dem Ganzen leiblich gespürt wird – in Bewusstwerdung des Leids, das sich eben nicht vollständig integrieren lässt, obschon selbst der Versuch mittlerweile Produkt der Verwertung ist. Wir möchten den Kein-Kongress als Versuch verstehen, diesen Zusammenhang von Körper, Leid und Totalität theoretisch zu durchdringen. Dabei geht es nicht um die Feier subjektiver Betroffenheit, sondern um die Freilegung des gesellschaftlichen Gehalts individualisierter Erfahrungen. Wenn das Leiden der Einzelnen nicht einfach privat ist, sondern Ausdruck eines allgemeinen Zwangszusammenhangs, dann könnte in seiner reflektierten Artikulation ein Moment von Kritik liegen.