17.06.2025: Das ängstliche Individuum zwischen Subjekt und Objekt. Momente einer kritischen Theorie der Gesellschaft | Ein Vortrag von Anna Lena Stefanides
Will kritische Theorie Leiden zum Sprechen bringen, kann sie die Angst nicht aussparen. Ein Gegenstand der Erkenntnis kann Angst im emphatischen Sinne allerdings auch nicht sein. Deshalb versuche ich im Rahmen dieses Vortrags, einige Momente von Angst zu fassen, die mir unentbehrlich für ihre kritische Reflexion zu sein scheinen: Ihre Undefinierbarkeit, die reale Übermacht der Natur, die gesellschaftlich notwendige Anpassung, und die Überforderung des spätmodernen Individuums. Die vier Splitter bleiben zunächst unvermittelt, aber in ihnen allen schwingt das problematische Verhältnis von Subjekt und Objekt mit. Insofern handelt es sich auch um eine Kritik der Erkenntnis.
01.07.2025: Die ‚Krise der Kritik‘ oder die ‚Krise des Kritikers‘? Die Form der Kritik im Neoliberalismus | Ein Vortrag von Minze Maraffa
Der zentrale Begriff dieses Vortrags ist Kritik. Darunter verstehe ich eine Praxis, welche durch die Analyse und Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse die Möglichkeit von gesellschaftlicher Veränderung aufzuzeigen und im besten Falle diese Veränderung zu unterstützen versucht. Im Rahmen meiner Masterarbeit interessiert mich, wie Kritik aussehen müsste, die der aktuellen Zeit angemessen ist. Dafür gehe ich in drei Schritten vor: Erstens untersuche ich, wie in aktuellen Debatten die Frage nach der Kritik behandelt wird. Es zeigen sich verschiedene Positionen, welche jedoch alle unter dem Vorzeichen einer ‚Krise der Kritik‘ verstanden werden können: Im Neoliberalismus scheint die Grundlage für Kritik zu schwinden. Dieser Tatbestand begründet die Hypothese, dass die Form, in der sich Kritik äußern kann, von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt. Deshalb rekonstruiere ich im zweiten Schritt schlaglichtartig, wie verschiedene Autoren (Marx, Horkheimer, Adorno) im Lichte ihrer Zeit auf die adäquate Form der Kritik reflektiert haben. Dadurch erhoffe ich mir eine Skizze des Verhältnisses von der Form der Kritik zu ihren gesellschaftlichen Verhältnissen. Schließlich möchte ich im dritten Schritt in das Denken und Schreiben von Ilse Bindseil einführen, um zu untersuchen, inwiefern Bindseil eine adäqute Form der Kritik im Neoliberalismus gefunden hat.
09.09.2025: Der Traum vom Frieden. Warum die Zweistaatenlösung unter den gegebenen Umständen keine Lösung ist und der Palästina-Aktivismus den Palästinensern nicht hilft | Ein Vortrag von Leo Elser
Die Rede von einer Zweistaatenlösung geht von der Annahme aus, dass die regelmäßigen Kriege im Nahen Osten enden würden, wenn neben dem bereits existierenden Staat Israel ein palästinensischer Staat entsteht. Aus mehreren Gründen ist diese Annahme keineswegs unmittelbar einleuchtend. So ist die Oberfläche der Erdkugel nahezu vollständig in Staaten aufgeteilt, ohne dass deswegen der Weltfrieden ausgebrochen ist. Offenkundig garantiert Staatlichkeit alleine noch lange keinen Frieden. Auch abstrahiert die Rede von der Zweistaatenlösung von den weiteren Akteuren neben Israel und den Palästinenserorganisationen: der Hisbollah im Südlibanon, Katar und natürlich dem Iran, der schon lange vor dem jüngsten Krieg die Vernichtung Israels zum Staatsziel erklärt und seine aggressive Außenpolitik in der gesamten Region vom Jemen über den Irak nach Syrien bis in den Libanon und den Gazastreifen mit Milizen und Terrororganisationen gewaltsam durchzusetzen versucht.
Nicht zuletzt lehnt der Kriegsgegner Israels, die Hamas, nicht nur die Zweistaatenlösung ab, sondern lehnt es überhaupt ab mit Israel auch nur über einen Quadratzentimeter Land zu verhandeln. Die Hamas ist aber dank der Unterstützung Katars und Irans bislang die herrschende Macht im Gazastreifen gewesen.
Wer also ernsthaft die Zweistaatenlösung fordert und behauptet, sie wäre ein Schritt zum Frieden, müsste sich auch mit den Voraussetzungen beschäftigen, die gegeben sein müssten, damit überhaupt sinnvoll von einem „palästinensischen Staat“ gesprochen werden kann und ebenso mit den Voraussetzungen, die gegeben sein müssten, damit ein solcher Staat eine einigermaßen realistische Option auf eine friedliche Koexistenz mit Israel bieten könnte.
Leo Elser ist Autor und Redakteur der Zeitschrift Pólemos, deren jüngste Ausgabe unter dem Titel „Verteidigt Israel“ erschienen ist. Dort schrieb der Referent über die Zweistaatenlösung. Dieser und weitere Artikel werden im Rahmen der Veranstaltung vorgestellt.
Zeitschrift Pólemos: www.kritischetheorie.wordpress.com https://archive.org/embed/leo-elser-der-traum-vom-frieden
14.10.2025: Alle reden vom Krieg – wir auch | Heftvorstellung Distanz Magazin
Das Distanz Magazin stellt die 8. Ausgabe zum Thema „Krieg und Frieden“ vor. Heinrich Hofer und Julian K.-Duschek diskutieren ihre Beiträge im Heft und skizzieren eine Kritik an Krieg und Konformismus. Dabei versuchen sie, die Distanz zum allgegenwärtigen Positionierungszwang aufrecht zu erhalten, der selbst Ausdruck des Krieges ist.
»Krieg und Frieden« klang für die meisten lange Zeit nach einem banalen Gegensatz, der in der Alltagssprache kaum einer näheren Bestimmung bedurfte. Die Forderung nach Frieden war lange Zeit so mainstream, dass man mit Krieg- und Gewaltaffirmation regelrecht edgy und rebellisch sein konnte – und sich damit vielleicht sogar im Positionierungszwang eine fruchtbare Nische erkämpfte. »Bomber Harris do it again« war eine schonungslose Provokation mit einem schmerzenden Augenzwinkern, eine Zuspitzung von Paul Spiegels »Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder«, und wollte darauf hinweisen, dass es noch Schlimmeres geben kann als organisierte Massengewalt zwischen zwei Gruppen. Trotzdem bauen manche ihren radikalen Pazifismus mitunter zum Lebensstil aus und übersehen dabei, dass unser politisch-ökonomisches Miteinander und Gegeneinander in erster Linie das Ergebnis von vertraglich fixierter Gewalt ist, deren permanente Androhung eine inhumane Ordnung aufrechterhält. Andere rechtfertigen dagegen bis in die Gegenwart Militäreinsätze »wegen Auschwitz« und ignorieren dabei häufig den latenten Kriegszustand, in dem sich die Staaten nach außen dauerhaft gegenüberstehen. Dem entspricht auch, dass man oft gar nicht so richtig sagen kann, was Frieden eigentlich ist, und so wird der Begriff einfach als Abwesenheit bzw. Gegensatz von Krieg definiert, lässt sich also ohne eine Vorstellung von Krieg gar nicht denken. In dieser negativen Bestimmung, die es so schwer macht, über Frieden zu schreiben, ohne Krieg zu erwähnen, könnte aber auch das utopische Potenzial dieser Vorstellung liegen: Frieden meint einen Zustand, dessen nähere Bestimmung immer wieder neu und in Abgrenzung zum erfahrenen gesellschaftlichen Leid gewonnen werden muss und sich deshalb vielleicht nie positiv bestimmen lässt.
Seit 2022 – und eben nicht schon seit 2014 – hört man plötzlich allerorts die Rede von einer »Rückkehr des Kalten Krieges« sowie einem »Ende der Friedensdividende«. Ob mit Blick auf den Kalten Krieg oder – wie die Formulierung vom »russischen Vernichtungskrieg« es ausdrückt – auf den Zweiten Weltkrieg, meistens wird dabei versucht, einen erneuten Anschluss der Gegenwart an die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts herzustellen. Distanz Nr. 8 versucht, einen Blick auf Krieg und die diesem zugrundeliegenden Verhältnisse zu werfen, ohne sich eine feste Ahnung davon anzumaßen, wohin der Zerfall der gegenwärtigen Weltordnung führen wird.
Zur Aufdeckung der vielfältigen Verdeckungszusammenhänge ist es manchmal nötig, ein paar Schritte zurückzugehen, um wieder nach vorne schauen zu können. So setzt sich Heinrich Hofer in seinem Beitrag mit der Kriegsphilosophie von Heraklit und Clausewitz auseinander, um an diesen die Fallstricke des Nachdenkens über den Krieg zu diskutieren. Dabei zeigt er, wie deren Ansätze dennoch dabei helfen können, das Verhältnis von Krieg und Gesellschaft zu erhellen sowie die immanente Verselbständigungstendenz des Krieges einzuordnen.
Die Transformation des allgegenwärtigen Gewaltverhältnisses im Kapitalismus zeichnet auch Julian K.-Duschek nach, der seine Serie über den ›bellum omnium contra omnes‹, den Krieg aller gegen alle, fortführt. In der Epoche des Imperialismus wird dieses Verhältnis verdinglicht und avanciert zum internationalen Machtkampf zwischen den Staaten, während es innerhalb dieser repressiv befriedet wird.
Das Distanz-Magazin, ursprünglich 2015 als Onlinemagazin in Bamberg gegründet, erscheint seit 2021 nicht nur in deutlich größerem Umfang, sondern auch als Printausgabe. Schwerpunkt und Ziel des Magazins ist eine Gesellschaftskritik, die sich ausgehend vom Individuum nicht in Theorie und Bescheidwissen verliert, sondern grundsätzlich unabgeschlossen und offen bleibt, solange der Maßstab unserer Kritik, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx), nicht erfüllt ist.
23.10.2025: How dare you? Autopsie der Klimabewegung | Ein Vortrag von David Luys
Die Klimabewegung ist mausetot. Eben noch bestimmte der Schulstreik für das Klima den Stundenplan so manches Schülers, das Boulevard polterte tagtäglich gegen die „Klimakleber“ und in Gefangenensammelstellen wimmelte es an einigen Wochenenden von Aktivistinnen in weißen Malerkitteln. Und heute? Freitag ist ein Schultag wie jeder andere, für das urbane Verkehrschaos gibt es ganz andere Gründe und die Zeiten der Massenaktionen von Ende Gelände sind lange vorbei. Die Welt dreht sich weiter.
Die Klimabewegten waren sich lange sicher, das einzig richtige zu tun: die betonte Dringlichkeit, die braven Gespräche mit Klimawissenschaftlerinnen, die immergleichen Demonstrationen. Man hielt den Staat für ein Instrument, das es bloß richtig zu stimmen gilt. Appelle, Proteste, moralistische Reden und sogar ein Hungerstreik waren die Waffen der Wahl, um Politiker vom eigenen Ansinnen zu überzeugen. Als all das versagte, blieb nichts – nur der Rückzug in Vereinzelung oder Wahnsinn.
Die Katastrophe, vor der man zu Recht warnte, beginnt indes, ihre volle Wirkung zu entfalten – allerdings nicht aus kaltherziger Ignoranz, nicht aus stumpfer Unwissenheit, sondern mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses.
Am rosaroten Selbstbild der einstigen Aktivisten beginnt ein Zweifel zu nagen: Was, wenn das Scheitern nicht bloß tragisch war – sondern unausweichlich?
24.10.2025: Blind sein – ein philosophischer Erfahrungsbericht | Lesung und Diskussion mit dem Autor Tobias Litterst
»Was ich über das Sehen weiß, verdanke ich dem Studium der Philosophie.«
Inmitten der Vormacht des Visuellen scheint ein Leben und Erleben, dem gerade der wichtigste aller Sinne abgeht, nahezu unvorstellbar: ungeheuerlich fremd. Tobias Littersts essayistische Studie entzündet sich an der scheinbar einfachen Frage, die ihm – der von Geburt an blind ist – immer wieder gestellt wird: der Frage, wie es ist, blind zu sein.
Vor dem Hintergrund seines konkreten Erlebens und in Auseinandersetzung mit Schopenhauer, Nietzsche, Camus und Adorno, erschließt Litterst die Wahrnehmungswelt blinder Menschen jenseits klischeehafter Projektionen. Gleichermaßen persönliche Reflexion wie philosophische Erkundung, ist Littersts Buch zugleich ein Versuch über die Möglichkeit von Glück inmitten des Absurden einer verdinglichten Welt.
30.10.2025: Ideolotterie | AK Zweifel und Diskurs
Im Nachhinein ist man immer schlauer, oder?
Auch wenn im akademischen Betrieb gerade an der Abschaffung des Ideologie-Begriffs gearbeitet wird und lieber von Narrativen oder Ähnlichem gesprochen wird, erfahren wir die Wirkmächtigkeit eben jener immer wieder am eigenen Leib: Sei es eine Konversation am Arbeitsplatz, in der nonchalante einfließt, dass – sinngemäß – wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll. Vielleicht lässt auch die stereotype Figur des leicht angetrunkenen Onkels bei der Familienfeier seinem Frust freien Lauf und gibt seine Sympathie für Remigration zum Besten. Oder die Mutter versucht, das eigene Kind durch biologistische Argumentation auf die gesellschaftliche Rolle festzuschreiben, aus der doch der Ausbruch ersehnt wird, indem sie erklärt, was sich für Männer und Frauen natürlicherweise gehört. Immer wieder entsteht das Gefühl der Ohnmacht, wenn sich in der Konfrontation mit Aussagen, denen man doch widersprechen will, nur ein Moment der Sprachlosigkeit breit macht. Da sich der Ohnmacht alleine meist nicht allzu gut stellen lässt, laden wir zur „Ideolotterie“ ein.
In dem Rahmen soll der Raum geschaffen werden, dass erfahrene Aussagen, in anonymisierter Form, besprochen werden können und gemeinsam reflektiert wird, was sich im Gesagtem ausdrückt.
05.11.2025: Zum Begriff der Natur, der Ökologie, der beschädigten Subjektivität: Die Kritische Theorie des Karl Heinz Haag | Ein Vortrag von Peter Kern
Ein Vortrag von Peter Kern, veranstaltet durch das Referat Politische Bildung des StuRa der TU Dresden
Der Vortrag behandelt den Begriff der Naturwissenschaft, wie er für die Kritische Theorie schulbildend war. Adorno und Horkheimer sahen sie eingepasst in die von ihnen beschriebene, verhängnisvolle Dialektik der Aufklärung. Karl Heinz Haag untersucht die Methodik der physikalischen Wissenschaften und sein Begriff ist präziser. Im Labor und unter dem Experiment wird Natur zu einer von Masse, Ausdehnung, Geschwindigkeit und Energie bestimmten Größe. Dass dies die ganze Natur sei, folgt nicht aus den Lehrsätzen der Physik oder der Chemie, sondern aus denen der modernen, nachmetaphysischen Philosophien. Für diese gilt unumstößlich: Um Naturprozesse zu begreifen, reichen die Naturgesetze völlig aus.
Haags an Kants Vernunftkritik anschließende erkenntnistheoretische Reflexion fördert dagegen hervor: Damit ein Organismus entsteht, sind zueinander passende Stoffe und Gesetze verlangt, aber diese Koordination bewirken die materiellen Stoffe und die beteiligten Naturgesetze nicht aus sich selbst. Sie unterliegen einer Zwecksetzung, einem organisierenden Telos, sonst wäre die lebendige Natur bloß die Summe ihrer Teile. Naturprozesse haben ihren verursachenden Grund in einer naturwissenschaftlich nicht fixierbaren Dimension. Diese Dimension auszublenden, Natur positivistisch, wesenlos zu denken, ist irrational. Das systemtheoretische Paradigma der selbstreferentiellen Natur, das im Zufall die Verursachung komplexer Systeme sieht, ist die ideengeschichtlich letzte Ausprägung dieser Irrationalität.
Haags Beitrag zur Kritischen Theorie formuliert den völligen Widerspruch zu den heute vorherrschenden nachmetaphysischen Philosophien. Deren Axiom von der wesenlosen Natur steht am Anfang der bürgerlichen Weltauffassung. Der Glaubenssatz entzieht der Kritik, was für die ökologischen Katastrophen der Gegenwart ursächlich ist: Die ins Maßlose gesteigerte Naturbeherrschung. Auch die Menschen gelten diesem Positivismus für wesenlos – die kommode Anthropologie der kapitalistischen Gesellschaft. In ihr erfährt Individualität ihre große Feier, aber die vereinzelten, in Konkurrenz zueinander gestellten Subjekte sind in Wahrheit völlig depotenziert. Haag: „In einer wesenlosen Welt nehmen die wesenlosen Subjekte sich selber für ihren eigenen Sinn.“ Ihr Vermögen zu Mitgefühl und solidarischem Handeln ist geschwächt. Letzter Punkt des Vortrags: Wer war überhaupt Karl Heinz Haag? Der Kritischen Theoretiker wird als ein Mentor der Emanzipationsbewegung in den westdeutschen, späten 60er Jahren vorgestellt. Das Referat will ihn und diese Bewegung der Vergessenheit entreißen.
08.11.2025: Lawfare gegen Israel – Über das Grundgesetz des Völkerrechts | Ein Vortrag von Philip Zahner
Die Welt sitzt zu Gericht über Israel, den „Juden unter den Staaten“ (Poliakov). Im Dezember 2023 stellte Südafrika beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag einen Antrag auf die Einleitung eines Verfahrens gegen Israel wegen angeblicher Verstöße gegen die sogenannte Völkermordkonvention von 1948. Im Mai 2024 beantragte Karim Ahmad Khan, damaliger Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, die Ausstellung von mehreren Haftbefehlen im Zusammenhang mit angeblichen Kriegsverbrechen im laufenden Krieg gegen die Hamas. Im November 2024 erließ der IStGH dann tatsächlich Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Joaw Gallant. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden damit Haftbefehle gegen Spitzenpolitiker eines westlichen Staates ausgestellt. Im September 2025 besiegelte eine unabhängige Untersuchungskommission des notorischen UN-Menschenrechtsrats im Namen der Weltöffentlichkeit dann das Urteil über Israel, indem sie kolportierte: Israel verübe einen Genozid an den Palästinensern.
Es ist der Jargon des Völkerrechts, durch den das „Gerücht über die Juden“ (Adorno) und ihren Staat mit den höheren Weihen des Rechtsfetischismus versehen und so salonfähig gemacht werden soll. Einen „Weltsouverän“ (Scheit) über den einzelnen Staaten, der die Geltung des Völkerrechts überhaupt erst garantieren könnte, kann es unter den Bedingungen des Kapitals jedoch nicht geben. Darum muss die durch diese Illusion verdrängte politische Gewalt stets wiederkehren im Hass auf den jüdischen „Gegenstaat“, der dem Frieden der Völker entgegensteht, weil er im Angesicht der antisemitischen Bedrohung, die dem innersten der gesellschaftlichen Totalität selbst entspringt, immer wieder aufs Neue dazu gezwungen ist, seine Souveränität gegen seine Feinde zu behaupten. Der fromme Wunsch des Immanuel Kant nach einem „ewigen Frieden“ durchs internationale Recht zeigt im jüngsten „Lawfare“ gegen Israel und dessen ‚genozidale Bestrebungen‘ seine böse Fratze: sein Ziel ist es, jenem Staat die Souveränität zu nehmen, der die Juden im Ernstfall allein schützen kann.
Das Grundgesetz des Völkerrechts gibt sich als genuiner Ausdruck der deutschen Ideologie unter den Bedingungen des sekundären Postnazismus zu erkennen. Ist die deutsche Ideologie in ihrer Wirkung auch keineswegs beschränkt auf Deutschland, führt ihre Kritik doch zugleich dicht heran an die Legitimationsgrundlage des deutschen „Staats des Grundgesetzes“ (Bruhn), der aufgrund seiner eigenen Staatsräson, die im Völkerrecht gründet, seit dem 7. Oktober 2023 nicht zufällig immer häufiger in Konflikt mit Israel gerät.
Es spricht Philip Zahner (Wien), Mitarbeiter beim ça-ira-Verlag und Redaktionsmitglied der sans phrase – Zeitschrift für Ideologiekritik.
11.11.2025: Die Wiederkehr des Marxismus-Leninismus. Zur Reanimation eines Untoten durch rote Gruppen | Ein Vortrag von Joel Franke
Schien der Marxismus-Leninismus seit dem Zusammenbruch des Ostblocks auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet zu sein, erfährt er heute durch das verstärkte Auftreten roter Gruppen seine Wiedererweckung. Entstanden als stalinistische Kanonisierung von Marx, Engels und Lenin avancierte er zur Staatsideologie der UdSSR und des restlichen Ostblocks. Heute muss der Marxismus-Leninismus wieder als eine Legitimationstheorie für eine bestimmte Organisationsform, der Kaderpartei, herhalten. Doch während Kaderparteien kaum Erfolge in westlich industrialisierten Gesellschaften erzielen konnten, schmälert dies die gegenwärtige Beliebtheit des Marxismus-Leninismus genauso wenig wie deren grundsätzlicher Autoritarismus. Grund genug, sich den Marxismus-Leninismus einmal genauer anzuschauen.
Der Vortrag führt kritisch in den Marxismus-Leninismus ein, um dann gemeinsam dessen bleibende Beliebtheit zu diskutieren.
27.11.2025: Theorie und Kritik der Avantgarde | Heftvorstellung Kunst, Spektakel & Revolution
„Kunst, Spektakel & Revolution“ ist der Titel einer Veranstaltungsreihe in Weimar und eines Magazins, das seit 2010 in unregelmäßigen Abständen erscheint. KSR beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik und lotet aus, an welchen Punkten in der Geschichte (anti-)künstlerische und revolutionäre Bewegungen ineinander übergingen.
Im Juli ist die neunte Printausgabe von KSR erschienen. Das Heft beschäftigt sich mit dem Vermächtnis der historischen Avantgarden – also mit jenen Bewegungen wie Futurismus, DaDa oder Surrealismus, die die Institution der Kunst sprengen wollten, um die Potentiale der Kunst in das Vorhaben einer umfassenden Neugestaltung der Gesellschaft einfließen zu lassen. Diese Strömungen wollten die Wurzeln der Widersprüche des modernen Zeitalters freilegen und entwickelten dabei eine faszinierende Formensprache. Sie erreichten einen erstaunlichen Grad der Reflexion künstlerischer Mittel, formulierten einen heftigen Einspruch gegen den herrschenden Status quo und traten ein für das Neue. Dabei waren die Avantgarden selbst von einer Reihe von Widersprüchen geprägt – so revolutionär sie alle waren, bedeutete dies nicht immer Menschlichkeit in einem emanzipatorischen Sinne. Und ihr Unterfangen ist auf seltsam untote Weise in der Postmoderne präsent, die die Moderne nicht überwunden hat.
In der Heftvorstellung sollen einige Thesen zur Avantgarde vorgestellt und dabei ein Einblick ins Heft geliefert werden.
10.12.2025: Totalität – Marx, Adorno und das Problem kritischer Gesellschaftstheorie | Ein Vortrag von Alex Struwe
Totalität beschreibt das Problem, ob und wie es überhaupt möglich ist, Gesellschaft als Ganze zu begreifen. Mit dem »Ende der großen Erzählungen« schien sich diese Frage erübrigt zu haben. Aber in der multiplen Krise, Klimakatastrophe und dem globalen Erstarken der Rechten kehrt die Notwendigkeit wieder, den Zusammenhang des Ganzen zu bestimmen. Mit Kapitalismuskritik, Klassenanalyse und Gesellschaftstheorie kommt auch das verdrängte Problem der Totalität zurück.
Aktuelle Theorien müssen diese Leerstelle der Totalität nun füllen. Vom Populismusbegriff zur Neuen Klassenpolitik über die Wiederentdeckung der Kritischen Theorie, des Autoritarismus bis zur Geschichtsphilosophie wird zwar wieder über Struktur und das Ganze der Gesellschaft spekuliert. Aber diese Bestimmungen bleiben notwendig abstrakt – und damit Teil des Problems.
Ist Totalität also immer eine schlechte Verallgemeinerung oder gibt es sie in Wirklichkeit? Alex Struwe spürt dieser Frage nach und findet bei Marx und der Entwicklung des Materialismus bis zu Theodor W. Adorno Möglichkeiten einer konkreten Bestimmung des Gesamtzusammenhangs. Diese Theorien nachzuvollziehen bietet auch die Chance auf eine Erkenntnis der Gegenwart. Und ohne diese gibt es keinen Einspruch gegen die herrschenden Verhältnisse.
27.01.2026: Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung | Vortrag und Buchvorstellung mit Jan Gerber
Die Erinnerung an den Holocaust schwindet, seine Singularität wird zusehends infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, daran zu erinnern, dass sich die Erkenntnis von der Besonderheit des Verbrechens erst spät durchsetzte. Die Unterschiede zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, zwischen Buchenwald und Birkenau, Belsen und Belzec, waren lange kaum jemandem bewusst. Auch die Erinnerung begann zeitlich verzögert. Der Holocaust bewegte sich erst seit den Siebzigern aus den Vororten des Gedächtnisses an den Zweiten Weltkrieg in sein Zentrum.
Jan Gerber geht den Ursachen dieser Entwicklung nach. Damit fragt er zugleich nach den Bedingungen von Erinnerung und Erkenntnis – von Bedingungen, die gegenwärtig zu erodieren scheinen. Die Gedächtnisgeschichte des Holocaust wird mit der Politik‑, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts verbunden. Auf diese Weise werden die aktuellen Debatten über die Bedeutung des Holocaust, sein Verhältnis zu den Kolonialverbrechen und die Politik Israels historisch eingeordnet. Es entsteht eine integrierte Geschichte der Holocausterinnerung.
Jan Gerber (Leipzig) ist Politikwissenschaftler und Historiker.
09.02.2026: In postnazistischer Gesellschaft. Adorno und der Zwang zur Soziologie | Ein Vortrag von Dirk Braunstein
Bourdieu hat Adorno einst vorgeworfen, er habe sich geweigert, die „Küche der Empirie“ zu betreten und sich in ihr „seine Hände zu beschmutzen“, und das Gegenteil ist wahr. Denn mag sich Adorno anfänglich auch eine Karriere als Philosoph, Komponist und Musikkritiker vorgestellt haben, dessen Gesellschaftskritik sich vornehmlich in Kategorien der Ästhetik und der Kunst ausdrückt, so wurde er von der historischen Entwicklung bald darüber belehrt, dass eine kritische Theorie der Gesellschaft ohne die empirische Untersuchung ebendieser Gesellschaft kaum möglich, gewiss jedenfalls nicht praktisch wirksam ist.
Der Vortrag zeichnet den Weg Adornos von seiner frühen Beschäftigung mit Georg Lukács und Walter Benjamin übers Exil in den USA und die Wiederkehr nach Frankfurt nach, bis er, als Direktor des Instituts für Sozialforschung, maßgebliche Studien zum politischen Bewusstsein der Westdeutschen leitete: vom „Gruppenexperiment“ in der neu gegründeten BRD bis zur „Heimkehrerstudie“ unter ehemaligen Kriegsgefangenen. Beide Untersuchungen verdeutlichen, weshalb Adorno überhaupt nach Deutschland zurückgekehrt ist und weshalb deutsche Geschichte nicht vergeht.
Ab 26.03.2026: Categories as Social Practice and the Value-Form of Experience | Ein Seminar von Franz Heilgendorff
Für Kant ist das transzendentale Subjekt die formale Bedingung der Einheit der Erfahrung. Gesellschaftlich entspricht es der Wertform, die uns zwingt, die Welt in identifizierender und abstrahierender Weise zu synthetisieren. In der Kritischen Theorie wurden die Kategorien der Logik und Metaphysik daher als verdinglichte soziale Beziehungen kritisiert: Die dem erkennenden Subjekt zugeschriebene Abstraktion sei bereits real, im Voraus innerhalb der Tauschgesellschaft vollzogen und der soziale Gehalt abstrakt-logischer Kategorien erkenn- wie kritisierbar.
Aber wie lässt sich die Einsicht, dass Kategorien sedimentierte soziale Praxis sind, in ein empirisches Forschungsdesign übersetzen? Es scheint, Kategorien werden dort sichtbar, wo sie „arbeiten“: wo sie scheitern, repariert werden müssen oder ihre Rahmen gesprengt werden. Wie handhaben Subjekte in sozialen Bewegungen oder im Produktionsprozess abstrakte Kategorien wie Identität, Kausalität oder Zeit und wie werden diese dabei transformiert? Welchen kategorialen Zwängen unterliegen wir, um überhaupt als Subjekte handlungsfähig zu sein? Und lassen sich die Kategorien der Philosophie überhaupt nach „unten“ öffnen, so dass darin eigene Erfahrungen artikuliert werden könnten?
Während die gesellschaftliche Produktion und der Markt beispielsweise eine lineare, quantifizierbare Zeit erzwingen, entstehen qualitative Zeiterfahrungen in den Sphären der Reproduktion und des Widerstands. In diesem Spannungsfeld verstrickt sich eine kategorial bestimmte Vernunft in Widersprüche. So entsteht Raum für das Vermögen der Phantasie (Negt, Kluge, Becker-Schmidt) und für einen Begriff von Klassenbewusstsein, der nicht als bloße Artikulation von Interessen verstanden wird. Untersucht werden soll, ob sich dabei eine tiefgreifende Umwälzung der Kategorien unserer Selbst- und Weltwahrnehmung vollzieht, die die Ebene des kategorialen Apparates selbst erreicht. Das Seminar hat daher Forschungscharakter: einen empirischen Zugang zu entwickeln, der diese kategorialen Verschiebungen sichtbar macht und fragt, wie Erkenntnis- und Sozialstrukturen zusammenhängen.
Termine: 26. März, 30. April, 21. Mai, 18. Juni, 16. Juli
(Das Seminar wird auf Deutsch und/oder Englisch abgehalten.)
01.04.2026: Buchenwald im Kreuzfeuer. Über die Entwicklungen in deutschen Gedenkstätten | Ein Vortrag von Richard-Hellmut Stoenescu und Kevin Holfeld
Am Wochenende 11./12. April wollen zum 81. Jahrestag der Befreiung des damaligen Konzentrationslagers Buchenwald in Weimar linke Antisemiten unter dem Kampagnenmotto „Kufiyas in Buchenwald“ ein Gedenkwochenende veranstalten und am Sonntag demonstrieren. Dies reiht sich in eine vermehrte Anzahl von Angriffen auf das Gedenken sowie Gedenkstätten ein, wie die jüngste Handreichung der RIAS unterstreicht.
Dass die Angriffe immer häufiger von links kommen, lässt sich auch in der Causa Buchenwald beobachten. Die Vorgeschichte reicht bis ins vergangene Jahr und ist in der Öffentlichkeit spätestens seit dem August 2025 mit der Klage einer Trägerin der sogenannten Kufiya gegen die Gedenkstätte Buchenwald bekannt. Diese Klage und die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ sind Anlass, sich mit der deutschen Gedenkstättenpolitik auseinanderzusetzen und die Hintergründe sowohl des Kufiya-Verbots als auch seiner Kritik zu beleuchten.
Richard-Hellmut Stoenescu und Kevin Holfeld haben beide Neuere und Zeitgeschichte u.a. in Dresden und Potsdam studiert.
Eine Veranstaltung des disput e.V. und der Pirnaer Autonomen Linken.
29.04.2026: Postmodern links – Ein Appell an Systematik und Selbstreflexion | Ein Vortrag von Ilse Bindseil
Dass links wie alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen dem Zeitgeist unterworfen ist, wird in einer Art Retrospektive, auch einer persönlichen Aufarbeitung gezeigt, dass links sich an einem Gesamtbegriff von Gesellschaft bewähren muss, in einer abstrakten Überlegung verdeutlicht.
Ergänzung: Zur Frage, wie es heute mit „links“ steht, könnten sich andere und ungleich kompetenter äußern. Ich verstehe die Frage an mich, die ich keine ausgewiesene, eher eine aus den kritisch-theoretischen 68ern übriggebliebene Linke bin, so: Was kann ich beitragen zu einer Bestimmung von links?
Beitragen kann ich, erstens, etwas zum gedanklichen Hintergrund von links. Um einen tragenden, auch einen schlagkräftigen Begriff, ein Programm mit ihm verbinden zu können, muss er auf Voraussetzungen fußen, über die ich mir als einen vitalen Teil meiner Überzeugung klarwerden muss. Sich die Existenz solcher Voraussetzungen bewusst zu machen, den Austausch über sie und mit ihnen zu pflegen, dazu sollen meine Überlegungen einladen. Dass es sich dabei um alles andere als um „graue Theorie“ handelt, davon sollen sie hoffentlich überzeugen.
Beitragen kann ich, zweitens, etwas zum kurzen Abschnitt meiner Geschichte mit „links“. Da für mich Wahrheit nur in der Form – deutlicher: im Verlauf − der Auflösung falscher Vorstellungen existiert, kann ich den von mir erlebten Abschnitt linker Geschichte nur als eine Geschichte weniger von Irrtümern und Lügen als vielmehr von geborgten Verkörperungen erzählen. Als „genuin links“ bleibt dabei eigentlich nur die Haltung rigoroser Selbstkritik und, auf der affirmativen Seite, das Vertrauen in „links“ als ein dem Kantischen „Geschichtszeichen“ analoges „Begriffszeichen“ übrig, das mich auf dem rechten Weg hält.
26.05.2026: Adorno und der Wert – ein erkenntnistheoretisches Problem? | Ein Vortrag von David Schutzbach
„Der Philosoph, das zusehende Bewusstsein, das den Begriff entfaltet, ist die Kritische Theorie; aber wer spielt die Rolle des erscheinenden Wissens? Wer macht die Erfahrung der gesellschaftlichen Objektivität und vor allem, wie macht er sie?“ (Helmut Reichelt)
Erscheint dem Philosophen – den Reichelt hier die Kritische Theorie nennt – die Gesellschaft so, wie sie ist? Ist das erscheinende Wissen gleichzeitig die Art und Weise, nach der Gesellschaft verstanden, oder eben gewusst werden kann? Wozu muss dann erst ein Begriff der Gesellschaft entfaltet werden, wenn sie ‚wie von selbst‘ erscheint? Reichelt hat diese Fragen selbst auf Adornos Marx-Lektüre bezogen; einen Schritt, den ich in diesem Vortrag (ganz ohne Reichelt) nachvollziehe, nämlich, dass dieser Begriff von Gesellschaft nur im Anschluss an die Kritik der politischen Ökonomie möglich ist. Ich werde aber andere, nicht-philosophische Fragen aufwerfen: bedarf es einer Erkenntnistheorie der Gesellschaft? Ist die Gesellschaft, die uns jeden Tag umgibt – umgibt sie uns, oder sind wir sie? – nicht selbstverständlich, einfach da, als die, die sie ist?
In diesem Vortrag wird die Rolle der Erkenntnis der Gesellschaft entlang des Werks von Adorno entfaltet und über den Weg beantwortet, den die Erkenntnis historisch selbst in Form von (philosophischem) Wissen ging: Über die Anfänge der Philosophie in Griechenland, wo zuerst das Problem der Abstraktion entdeckt und sogleich verdeckt wurde; über die neuzeitliche Revolution der Wissenschaften, die auch die Philosophie für alle Zeiten versehrte; bis hin zu Adornos Gegenwart und den Philosophien, die in dieser wirken, und uns auch heute noch heimsuchen: Positivismus und Ontologie, oder: Tatsachenklauberei und Volksphilosophie.
Dass hier (vorerst) nicht explizit Marx oder der Marxismus vorkommen, hat bei Adorno Gründe, die ich im Laufe des Vortrags zuspitzen will: Marx steckt in Adornos Methode, der Dialektik. Über den historischen Nachvollzug der Philosophie hinweg will ich Adornos Zeitdiagnose erklären, die nach Auschwitz und im Spätkapitalismus vor dem Problem steht, Philosophie überhaupt zu rechtfertigen. Dabei stellen beide – die große Katastrophe und die Gesellschaft, die sie hat vorbereiten helfen, und heute kräftig weiterhilft – ein philosophisches Problem dar, das weit über einen äußeren Einfluss auf die Philosophie hinausgeht, und vielmehr das Denken, oder wie gedacht wird, betrifft; das antike Problem der Abstraktion ist auch ein heutiges, das reale, oder objektive Gründe hat. Eine sich real vollziehende Abstraktion ist das Problem, das Adorno versucht, anzugehen: den Wert als Konstitutionsbedingung der Gesellschaft wie des Denkens. Eine Erkenntnis- als Gesellschaftstheorie ist zugleich Anlass wie Ziel des Vortrags und gibt Einblick in die Methode Adornos, die immer noch nicht ganz aufgedeckt ist, lässt sich ihr doch nicht viel darüber entlocken, wie Philosophie, Soziologie, Kulturkritik und viele weitere Betätigungsfelder Adornos in einem engen inneren Zusammenhang stehen. Dieser Vortrag will diesem Zusammenhang nachgehen und begründen, warum er besteht.
