Warum einen (Kein)Kongress?

Ja, auch wir haben Lust, einen Kongress zu veranstalten, und gleichzeitig sträubt sich dabei etwas: Zu viel klingt mit, assoziativ geht es ins Große, sich selbstverklärend Geist zusprechende, der dort, wo er vermeintlich seine Heimstätte haben soll – der Akademie – ausgetrieben wurde und seitdem verschüttet liegt. So heißt es dort heute meist auch nicht mehr Kongress, sondern Tagung, und es geht um nichts anderes als um eine weitere Anhäufung von Erzeugnissen, die schon im Moment ihrer Veröffentlichung für die Schublade bestimmt sind. Der krampfhafte Versuch, irgendetwas Neues zu schaffen, zielt meist nur darauf, seinen Namen als Marke zu etablieren und die Selbstverwertung innerhalb des Wissenschaftsbetriebes weiter voranzutreiben. 

Diese Tendenz stellt sich auch im außeruniversitären Kontext dar; lässt sich dieser doch nicht von jenem trennen. Wird eine Veranstaltung mit dem richtigen Namen beworben, dann kommen auch die Leute – das Anliegen der Veranstaltung rückt in den Hintergrund. Wird überhaupt noch darüber nachgedacht, was denn das eigene Anliegen ist oder warum man sich einen bestimmten Vortrag anhört? Diese Frage wird sich auch von den Vortragenden oft nur schwerlich ehrlich beantworten lassen, denn der Anspruch auf Kritik mag vorhanden sein, aber ebenso die finanzielle Abhängigkeit von der Tätigkeit oder das Angewiesensein auf das akademische Vorankommen.

Manchmal sollen vielleicht auch nur Gewissheiten verteidigt werden. Abschließend beurteilen können und wollen wir das nicht, wobei so manches doch zu ritualisiert wirkt, so dass sich des Gedankens nicht erwehren lässt, um Kritik und Selbstreflexion ginge es weniger, sondern vielmehr um ein „nettes“ Abendprogramm. Dabei ist gegen den Wunsch, einen „netten“ Abend zu gestalten, erst einmal nichts einzuwenden – wer möchte sich nicht einfach mal entspannen? Aber geleugnet werden sollte nicht, dass der sich als unschuldig gerierende Wunsch auch zugleich die Katastrophe verdeckt, die sich unser alltägliches Leben nennt. Dies soll nicht ein fatalistischer Ausruf sein, der auch dem Kulturkritiker auf der Zunge liegen könnte, selbsternannter Verteidiger einer Eigentlichkeit, einer Fülle und Reichhaltigkeit, Tiefe und Tragweite der ehemaligen Form, wenn er vom Verfall der deutschen Kultur spricht, wobei es meist einfach „Deutschland“ heißt, denn der Verfall der Kultur wird kaum noch jemanden aufrütteln. Das hat sich bereits erübrigt.

Aber im Entgegenhalten, dass doch alles nicht ganz so schlimm sei, man es doch auch mal positiv sehen müsste oder indem man gleich ein Buch schreibt, welches „Im Grunde gut“ heißt, hat man ebenso Teil am Fortwähren des Elends. Nichts unmittelbar Positives lässt sich herausdestillieren und hochhalten, um eine „Revolution für das Leben“ anzuführen. Dem setzt auch die Flucht in Geschichtlich-Totes, wenn auch heute mit dem krampfhaften Versuch versehen, dieses wieder zu vitaler Größe aufzurichten, nichts entgegen. Klar ist es befriedigend, sich im Gewand dessen einzurichten, welches einst Platzhalter der Revolution gewesen war, aber dadurch gewinnt die Wiederholung keine Plausibilität. Der Fingerzeig auf den vermeintlichen Dieb kann nur scheinbar von der eigenen Verantwortung befreien.

Auch die Illusion, dass alles nur Konstruktion sei – eigentlich ist alles nichts und Wahrheit dahin – macht sich gemein mit dem Bestehenden. Allerlei Abwandlungen des Versuches, die Erinnerung daran abzuwehren, dass man tagtäglich Anteil an dem hat, was auf einem lastet, aber als durch äußeres Konstituiertes von sich zu abzuspalten versucht, als könne man sich selbst ausnehmen, münden in seiner Radikalisierung nicht zufällig zielsicher in der Figur des Juden, ob nun als antizionistisch oder antisemitisch ausgesprochen; die Utopielosigkeit dieser Zeit drängt zur Personifikation.

Vielleicht bleibt dann nur noch dem Einspruch die Treue zu halten, der einen Ausdruck im Denken findet, welches sich nicht von der erdrückenden Negativität zum Aufgeben zwingen lassen kann und im Sog der Irrationalität und dem davon ausgespuckten neuen Immergleichen nicht den Boden unter den Füßen verliert. In einer gewissen Weise also beharrlich bleiben, ohne gänzlich abzustumpfen und zu resignieren, auch wenn nichts in Aussicht zu sein scheint.

Mit Blick auf unsere, hier dargelegten Beweggründe für die Organisation des (Kein)Kongresses, wäre es verblendet nun hochtrabend zu formulieren, dass wir noch „richtige“ Kritik machen wollen, dass es nun doch mal wieder richtig „ernst“ genommen wird. Dresden als Insel der Aufklärung – das würde dem Trauermob gefallen, der sich alljährlich hier anlässlich des 13.02. zusammenfindet. Deshalb macht sich auch bei uns geltend, dass wir uns danach sehnen, dass das eigene Tun Geltung beanspruchen kann, dass wir für ein paar Tage einen Ort gestalten können, an dem die Inhalte stattfinden, die wir derzeit zu diskutieren als wichtig empfinden. Einen Moment der Sehnsucht nach romantisch verklärten, vergangenen Zeiten entbehrt das vermutlich ebenfalls nicht, ebenso wenig wie den leisen Wunsch, dass wir eine „gute Zeit“ haben wollen, denn davon können auch wir uns nicht ausnehmen. Gleichwohl versuchen wir uns gegenseitig daran zu erinnern, uns nicht an eine heitere Unmittelbarkeit verblendet hedonistisch zu verlieren, denn „Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren“ (Adorno GS4: 26). Allzu leicht lässt sich dieses Zitat niederschreiben, welches heute einlöst, was es damals geahnt hat. Aber lässt sich überhaupt noch erfahren, was es bedeutet? Wie schnell verliert man sich selbst in der allgegenwärtigen Betriebsamkeit, übergeht die Reflexion und ertappt sich beim nicht ganz unbequemen Mitmachen – was soll man denn auch sonst tun? Auch hier scheint die Erinnerung an Adorno wieder auf:

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (ebd. 63). 

Zugleich muss sich der Frage angenommen werden, was das Verschwinden des Individuums für den Geltungsanspruch von Denken bedeutet. Wird auch immer wieder, am liebsten vor sich selbst, verdeckt, dass es auf den Einzelnen längst nicht mehr ankommt, ist davon auch nicht zu lösen, dass es immer schwieriger wird, dies überhaupt auszudrücken – die Möglichkeit von Kritik davon nicht unberührt.

Wir haben uns dafür entschieden, den „(Kein)Kongress“ zu organisieren, weil wir alle nur zu gut das Gefühl der Leere kennen, welches wir immer wieder als individuelles Leiden erfahren, aber in dieser utopielosen, tristen, immer mehr zum Wahnsinn drängenden Zeit uns nicht resigniert zurücklehnen wollen, um uns bei aller Kritik doch einzurichten und in der Illusion des privaten Glücks zu verlieren. Gewiss werden wir mit dem (Kein)Kongress nicht den großen Wurf landen, aber wenigstens können wir gemeinsam mit Leuten, die wir schätzen, einen Raum für Auseinandersetzung schaffen. Was dabei herauskommt, lässt sich nicht vorwegnehmen.

Wie in dem leicht verzweifelten Versuch, dem Kongress ein „Kein“ beizustellen und dadurch eine Distanz zu dem herzustellen, was sich geläufig unter Kongress vorgestellt wird, soll sich dies nicht nur in der Bezeichnung niederschlagen. Wir werden nicht mit dem perfekt durchgetakteten Programm aufwarten, nicht die großen Namen ins Feld führen, um euch zu uns zu locken und wir werden versuchen, uns zu hüten, Gewissheiten zu zementieren, nur um etwas festhalten zu können. 

Das wird sich vermutlich vage lesen, das ist es auch noch. Wir sind noch mitten im Prozess der Planung, tragen zusammen, wer dabei ist, und werden dann mal schauen, wo wir im September herausgekommen sind. Feststeht, dass wir uns vom 10. bis 12.09. im objekt klein a einquartieren. Bis dahin werden wir mal gucken, was über diesen Account seinen Weg in die Öffentlichkeit findet.