„Der Jordan fließt nicht mehr seit weit vom Iran“ | Redebeitrag Leipzig 17.01.2026

Ende 1978 besuchte Michel Foucault den Ajatollah Khomeini in seinem Pariser Exil. In Artikeln im italienischen „Corriere della Sera“ und im französischen „Nouvel Observateur“ lobpreiste Foucault die „politische Spiritualität“ des Revolutionsführers und verschloss die Augen vor dem Antisemitismus und der Misogynie, die der Ajatollah schon damals offen propagierte und die einen Kern seines politischen Programms ausmachten. So erklärte Foucault: „Eines muß klar sein: Unter einem ‚islamischen Staat‘ versteht niemand im Iran ein politisches Regime, in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte.“[1] Und weiter schwärmte er: „[W]ie stark würde Khomeinis ‚religiöse‘ Bewegung werden, wenn sie sich die Befreiung Palästinas zum Ziel setzte? Der Jordan fließt nicht mehr sehr weit vom Iran.“[2]

Schon damals mahnte die persische Feministin Atoussa H. in einem Leserbrief, Foucault solle sich auch mal den Inhalt dieser „politischen Spiritualität“ anschauen: „Wir haben es hier nicht mit einer spirituellen Parabel zu tun, sondern mit einer Entscheidung, die die Gestalt von Gesellschaft betrifft, die wir wollen. Heute werden unverschleierte Frauen häufig beleidigt und selbst junge muslimische Männer verbergen nicht die Tatsache, daß in dem Regime, das sie wollen, Frauen sich benehmen sollten oder bestraft werden.“[3] Doch Foucault sah in ihrem Verweis nur den „jahrtausendealten Vorwurf des ‚Fanatismus‘.“[4] Kurz darauf – vor 47 Jahren und einem Tag am 16. Januar 1979 – floh der Schah und 2 Wochen später kam Khomeini nach Iran, um einen „islamischen Staat“ zu errichten, in dem sehr wohl „der Klerus die Leitung übernimmt“, unverschleierte Frauen nicht nur beleidigt, sondern verprügelt werden – in Fällen wie dem der Mahsa Amini auch tödlich – und das sich die „Befreiung Palästinas“ zum obersten Ziel gesetzt hat. Es war dies der Startschuss – oder vielleicht auch nur ein Meilenstein – in der Entwicklung der neuen Linken zu Apologeten islamistischer Gewalt. Ihren prägnantesten Ausdruck findet sie heute in „Queers for Palestine“, einer Bewegung, die sich für die Situation von Queers unter der Herrschaft der Hamas genauso wenig interessiert wie damals schon Foucault für die Situation der Homosexuellen im islamischen Staat.

Heute wankt das Regime des Khomeini-Nachfolgers Khamenei. Proteste gegen das Regime erfassen alle Teile des Landes und alle Schichten der Bevölkerung. Das Regime reagiert mit einer bestialischen Härte; manche Schätzungen gehen von mindestens 12.000[5] innerhalb zweier Tage ermordeten Demonstrierenden aus. Aus dem Land dringen vereinzelt Bilder durch die Internetsperre, die mit Leichensäcken gefüllte Gerichtsmedizinsäle zeigen. Und die Foucault-Nachfolger machen sich gleich ans Werk. Auf der Seite „Progressive International“ – der Name spricht für sich – erklärt die ehemalige Yale-Dozentin Helyeh Doutaghi, warum das schon in Ordnung sei.[6] So sei die Polizei in „imperialen Ländern“ ein Instrument der Unterdrückung. Sie habe dies selbst erlebt, als die – natürlich vom israelischen Militär ausgebildete – Polizei Palästina-Camps auf dem Yale-Campus auflöste. Aber im Iran ist der berühmte „Kontext“ ein anderer. Der iranische Staat sei nämlich das Produkt einer Volksrevolution („popular revolution“) und andauernden Bedrohungen von außen ausgesetzt – ganz so, als würde nicht gerade der Iran dauernd seinen benachbarten Rivalen und vor allem Israel drohen und sie direkt oder indirekt angreifen. Wer sich an der Auflösung von Protestcamps mehr stört als am Abschlachten von Tausenden Demonstrierenden, dem oder der ist wirklich nicht zu helfen.

Doch nicht nur postmoderne Linke verklären diese Regime: hier und im Israelhass sind sie mit Rechten wie Tucker Carlson oder Maximilian Krah im Geiste vereint. Letzterer beschrieb die islamische Revolution von 78/79 als „Erwachen eines nichtwestlichen Modells“ und Aufstand gegen die „Verwestlichung des Landes“.[7] Worin besteht dieses angeblich „nichtwestliche Modell“, das von so unterschiedlichen Strömungen im Westen bewundert wird? Foucault berichtete über einen iranischen Schriftsteller: „Ich mußte ihn nicht einmal fragen, ob diese Religion, die entweder die Gläubigen zum Kampf aufruft oder der Gefallenen gedenkt, nicht zutiefst fasziniert vom Tod sei – vielleicht mit größerem Augenmerk auf das Martyrium als auf den Sieg.“ Foucault musste ihn nicht fragen, denn er meinte, die Antwort schon zu kennen: „Was euch Westler beschäftigt, ist der Tod.“[8] Foucaults imaginäres Gespräch ist sein eigenes Selbstgespräch und es verrät, dass es ihm und all den anderen Ajatollah-Freunden nie um die Gestalt der Gesellschaft oder der Religion im Iran ging; daher auch die haarsträubend falschen Beschreibungen. Es sind viel mehr die eigene Todessehnsucht und Zivilisationsmüdigkeit, die die Ajatollah-Freunde in der Begeisterung für den Islamismus und im Antisemitismus ausleben. Das wurde in ideologiekritischen Kreisen schon häufiger eruiert; doch warum ausgerechnet die Juden als Vertreter des Westens herhalten müssen, das fragen sich Ideologiekritiker allzu selten. Hier ist ein großer Nachholbedarf in der ideologiekritischen Antisemitismuskritik und vielleicht einer der Gründe dafür, dass sie in die Defensive geraten ist. Im (post-)christlichen Westen trifft diese Zivilisationsmüdigkeit in letzter Instanz die Juden, denn sie haben – so Horkheimer und Adorno in den „Elementen des Antisemitismus“ – „die Tabus in zivilisatorische Maxime verwandelt, da die anderen noch bei der Magie hielten. Den Juden schien gelungen, worum das Christentum vergebens sich mühte: die Entmächtigung der Magie vermöge ihrer eigenen Kraft. […] So gelten sie der fortgeschrittenen Zivilisation für zurückgeblieben und allzu weit voran, für ähnlich und unähnlich, für gescheit und dumm.“[9]

Abschließend bleibt uns bloß die bange Hoffnung auszusprechen, die iranische Protestbewegung möge endlich Erfolg haben und dem Regime der Ajatollahs den Garaus machen. Die Geschlechterapartheid, von der Foucault und die seinen in ihrer Begeisterung für die „politische Spiritualität“ nichts wissen wollen, wäre Teil einer gruseligen Vergangenheit und dass der Jordan nicht weit vom Iran fließt, wäre endlich keine Drohung mehr.


[1] Florian Ruttner, „Der Mythos des Radikalen. Der Verrat an Aufklärung, Vernunft und Individuum bei Georges Sorel, Georges Bataille und Michel Foucault,“ in: Alex Gruber/Philipp Lenhard (Hg.), „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, Freiburg/Wien, 2006, S. 103.

[2] Ebd. S. 113

[3] Ebd. S. 107

[4] Ebd. S. 111

[5] https://www.iranintl.com/en/202601130145, Stand 14.01.2026

[6] https://progressive.international/blueprint/e57562a0-4dbd-479f-b77d-ed23bee16394-irans-indigenous-labor-movement-and-working-class-sovereignty/en/

[7] Nach https://www.nzz.ch/feuilleton/ayatollah-khomeini-betoerte-westliche-politiker-und-intellektuelle-bis-heute-verklaeren-linke-und-rechte-ideologen-sein-terrorregime-ld.1889490

[8] Beide nach Ruttner 2006, S. 106. Herv. i. O.

[9] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente,“ Frankfurt am Main, 1988, S. 195.