Wir haben noch ein paar freie Plätze und würden uns freuen, wenn wir diese mit Beiträgen von euch füllen dürfen. Lasst euch dabei nicht von einer falschen Vorstellung abhalten, dass ihr „abliefern“ oder besonders innovativ sein müsstet. Auch ein Thesenpapier, das zur Diskussion einlädt, ist ausdrücklich willkommen.
Wir alle denken auf der Grundlage der Trümmer der Vergangenheit und erleben uns dabei immer wieder als ohnmächtig, wodurch auch die Möglichkeit des Denkens nicht unberührt bleibt. Zwischen dem Drang zur Philologie, dem Gefühl der Banalität und der Sehnsucht nach dem Anderen – wenngleich die Verhältnisse einem diese zugleich doch immer wieder austreiben – und dem Verfall der Möglichkeit, überhaupt noch zu denken, sind wir eingepfercht und versuchen nicht in klaustrophobische Panik zu verfallen. Also lasst euch nicht vorab den Gedanken abwürgen und schickt uns eine kleine Skizze, mit dem, was ihr vorhabt. Dabei ziehen wir es vor, wenn es nicht so wirkt, als werde nur eine Bühne gesucht, um Bekanntes noch einmal auszubreiten, sondern eher die Möglichkeit gesehen wird, auch Unfertiges zu erproben. Damit wir euch Planungssicherheit geben und uns strukturieren können, ist die Eingangsfrist oder eher die Annahmefrist der 31.07.
Eure Skizzen könnt ihr per Mail einsenden an: Keinkongress_dd@proton.me.
Als An- und Abstoßungspunkt für eure eigenen Reflexionen wollen im Anschluss Fragmente unserer vorausgehenden Auseinandersetzung teilen, um aufzuzeigen, wie wir bei unserem „fertigen“ Ankündigungstext herausgekommen sind und welche Fragen uns umgetrieben haben bzw. noch immer umtreiben. Davon ist nichts fertig ausgereift, teilweise sind es bruchstückhafte Sätze und Gedanken, manches für uns heute schon so nicht mehr zu denken, anderes will nochmal weitergetrieben werden – vielleicht durch euch.
„Viel wurde über die autoritäre Formierung, über (einen neuen? vielleicht transformierten? er war ja nie ganz weg, hat sich verändert und expandiert) Faschismus geschrieben und gesprochen. Das seit dem 7.10. auch immer vor dem Hintergrund und in der Verquickung mit Antisemitismus. Aber irgendetwas fehlt mir dabei, was ich noch nicht benennen kann. Häufig wird sich um Allgemeinplätze gedreht, werden in einer Szenementalität Gewissheiten verteidigt. Das wiederum hängt vermutlich mit eben der Dynamik zusammen, die kritisiert werden soll. Allzu schnell wird sich auf das vermeintlich Andere gestürzt, was selbstverständlich das Falsche, das Dumme, das Exkludierende ist, aber dabei wird meist vergessen, dass dies auch in einem selbst sich vollzieht. Deshalb ist für mich die Rückwendung auf und Lektüre der Dialektik der Aufklärung spannend, da der Versuch darzulegen, in welcher Weise die Ich-Werdung, die Herausbildung eines Selbst und damit des bürgerlichen Individuums mit bewusstloser Naturbeherrschung und damit auch Herrschaft über die eigene Natur verschlungen ist. Diese reproduziert sich immer wieder und lässt sich in den kleinsten Alltagshandlungen freilegen. Wir sind nicht das autonome Subjekt, wie wir uns es mantrahaft einreden oder in neoliberaler Geschichtlosigkeit einfach voraussetzen. Das lässt sich so distanziert schreiben und dabei ist es auch das, was durch mich jeden Tag aufs Neue vollzogen wird, ohne dass es von mir gedacht werden muss.“
„Man könnte beispielsweise auf die Beherrschung des Körpers durch das, wo einmal Seele, dann Geist, dann Psyche war und heute die mindgesettete Steuerzentrale sitzt, die jede Regung verwaltet, verweisen.“
„Verhältnis zwischen Leid, Erfahrung, Erkenntnis – Erfahrung der Erfahrungslosigkeit? Die Dinglichkeit von Leid?“
„Leid wird kulturindustriell inszeniert, medizinisch diagnostiziert, möglichst einfach kategorisiert (ICD10), postmodern relativiert oder als Authentisches fetischisiert“
„Manchmal erscheint einem alles einfach nur noch als wahnsinnig.“
„Vollkommen verloren in der Warenform?“
„Zwischen Lohnarbeit und Sport erübrigt sich die Frage nach dem Sinn. Doch Kinder kriegen, um dem Ganzen einen Sinn zu geben und der eigenen Endlichkeit zu entrinnen?“
„Da ist Hoffnung, dass sich etwas sperrt, in der Totalität aufzugehen, auch wenn das wohl ein verlorener Posten ist, denn der Tendenz nach wird jede Differenz benannt und identifiziert. Es bricht etwas durch, was nicht vorab registriert wurde und sei es nur das Moment, nicht mehr zu können, nicht mehr weitermachen zu wollen. Dann hast du halt einen Burn-out. Dann muss eine Weile kürzergetreten, bisschen mehr auf sich geachtet werden und dann findest du deinen Weg zurück zu den funktionierenden Arbeitskraftverkäufern, vielleicht nicht mehr als Abteilungsleiter, aber das Bild vom „Erwachten“, der nun nicht mehr im „Turbokapitalismus“ mitmischt und deshalb Selbstfindungsseminare anbietet, lässt sich auch super verkaufen. Sei wer du bist und mach das Beste aus dir. Die digitale Monade geht auf die Suche nach Gefolgschaft. Irgendwer muss mich doch für etwas Besonderes halten. Vielleicht ist es aber auch nur die Sehnsucht nach Nestwärme, welche die Leute in die digitale Gefolgschaft treibt. Wenn dann einer der besonders charismatischen Führer uns aufklärt, wie ein Mann zu sein hat, zum Lied „Heil Hitler“ von Kanye West feiert, dann ist es in irgendwelchen Boulevardblättern ein „Skandal“, aber zum Innehalten bringt es niemanden; es ist doch nur ein Videoschnipsel unter vielen. Das Elend setzt sich fort.“
„Die Frage nach dem guten Leben ist der Frage nach dem gesunden Leben gewichen. Fabrikation von Subjektivität? Es gibt keine Trennung von Innen und Außen mehr, deshalb fällt zunehmend die sogenannte „harte Schale“ (oder das Gehäuse) weg? Das Innere ist in die Produktion integriert, anstelle der Zurichtung für die Produktion?“
„Alle sind getrieben, denn es gibt kein Ende. Vielleicht wissen die Meisten dabei insgeheim auch, dass es auf sie gar nicht mehr ankommt.“
„Funktionslust und Destruktivität?“
„Das treibt in Überforderung und Zweifel, die auch immer wieder durch alle möglichen Angebote der Flucht in Konsum – welcher Art auch immer – kurz verdrängt werden.“
„Wäre Gregor Samsa heute Influencer?“
„Es wird vergessen, wozu überhaupt Kritik dient, oder es wird sich hinter Aussichtslosigkeit und großen Worten versteckt, aber es hat immer etwas mit einem selbst zu tun. Wird das verdrängt, wird Kritik kühl, wie es die bürgerliche Kälte fordert.“
„Was rückt an die Stelle des starken Ichs, nach dem Vorgehen der gesellschaftlichen Grundlage? Prä-ödipale Konstellation?“
„Einspruch für das Individuum nach seinem Verschwinden, damit nicht auch noch die Erinnerung immer mehr vergeht?“
„Zusammenhang vom Tod des Einzelnen, der Möglichkeit zu trauern und der gesellschaftlichen Austauschbarkeit des Einzelnen – dazu Scheit: „Denn alle Verhältnisse sind umzuwerfen, in denen der Tod des Menschen einen Sinn bekommt.“
„Der Körper als Verwaltungsmasse des Staates? Wird in der Krise das Subjekt weniger kapitalhörig als staatssehnsüchtig?“
„Am laufenden Band wird Politik, Krise, Macht personalisiert; dies erweckt den Eindruck, die Welt wäre tatsächlich bewusst gestaltet. Vom Allgemeinen (dem blinden Verwertungszusammenhang, dem Tauschprinzip, dass alle Qualität in Quantität verwandelt und als scheinbares Naturgesetz über uns waltet, die abstrakte Herrschaft) auszugehen ist dabei so brutal, wie es wirklich ist.“
„Möglichkeit der Verantwortung des Einzelnen – zwischen Freiheit und Determinismus“

