Am 9. November hielten „einige Genossen von alea“ einen Redebeitrag auf einer Gedenkkundgebung zum Jahrestag des Novemberpogroms. [1] Im Wesentlichen besagt ihr Beitrag, dass Antisemitismus und Antizionismus tatsächlich zwei verschiedene (wenn auch ähnliche) Paar Schuhe sind und es deshalb zu nichts führt, Antizionisten als Antisemiten betiteln zu wollen. Das meinen die Redner nicht, um den Antizionismus zu verteidigen, sondern um ihn als eine eigenständige Erscheinung zu kritisieren. Erstmal ist anzuerkennen, dass der Beitrag versucht, die Antizionismus-Kritik weiterzutreiben, anstatt ideologiekritische Allgemeinplätze wiederzukäuen. In der Tat machen es sich einige zu einfach, wenn sie den Antizionismus schlichtweg als Antisemitismus mit Rebranding begreifen. Demgegenüber berühren die Genossen einige wichtige Widersprüche, lösen sie aber leider undialektisch auf.
Der Beitrag ruft zuerst die Karriere der Bezeichnung „Antisemitismus“ in Erinnerung. Diese begann als eine mit Stolz verwendete Selbstzuschreibung, die den Träger von religiösen Feindseligkeiten abgrenzen sollten. „Antisemit, das war jemand, der gegen die Juden aufgrund ihrer Rasse vorging, nicht aufgrund ihres Glaubens. Ein Antisemit, so dachte [der bekennende Antisemit Theodor Fritsch], war eben auch ein Humanist, kein Barbar.“ Erst nach dem zweiten Weltkrieg führte der Schrecken über die Schoah dazu, dass „Antisemitismus“ als Selbstbezeichnung in Verruf geraten ist. Heute bekennt sich fast niemand mehr dazu.
Diese vermeintliche Unschuld, die der Titel „Antisemit“ für den „Antisemiten“ vor 1945 hatte, hat heute der Titel „Antizionist“ für den, der sich so bezeichnet. „Ein Antizionist, das ist eben kein Barbar; ein Antizionist, das ist ein Humanist. Ein Antizionist ist gern Antizionist, und er wählt diesen Titel für sich selbst.“ Mit diesem Titel will er sich von rassistisch oder religiös motivierte Judenhass abgrenzen. Obwohl die Redner hier eine Parallele zwischen beiden zu Tage fördern, raten sie nun vom Versuch ab, Antizionisten des Antisemitismus zu überführen – denn dieser Versuch stieße bei ihnen auf taube Ohren. Die Redner stellen richtig fest, dass die Diskussion darüber letztlich in eine „Auseinandersetzung über Diskurshoheit“ mündet; die Debatte über die IHRA- vs. die JDA-Definition liefert dafür einiges an Anschauungsmaterial. Aber solche Uneinsichtigkeit kann kaum als Begründung für eine Differenz von Antisemitismus und Antizionismus herhalten. Jedenfalls hält sie die Redner nicht davon ab, Rechtspopulisten als „Neofaschisten“ zu betiteln, obwohl diese die Bezeichnung in der Regel ebenfalls entrüstet von sich weisen. (Außer Trump, bei ihm löst die Bezeichnung nicht einmal Entrüstung, sondern nur noch Belustigung aus, wie beim Treffen mit Zohran Mamdani im Weißen Haus letztens zu sehen war. Aber das nur am Rande.)
Einen augenscheinlichen Unterschied zwischen Antisemiten und Antizionisten benennen die Genossen, wenn sie „anerkennen: Juden, die Israel hassen, die den Zionismus ebenfalls für so etwas wie den Faschismus halten, werden unter den Antizionisten nicht drangsaliert, sondern im Gegenteil: Sie werden präsentiert wie etwas Besonderes, wie ein Beweis für die Größe des eigenen Handelns.“ Implizit kontrastieren die Redner Antizionisten so von Antisemiten, die nach gängigem Verständnis auf jeden Juden zielen, so wie die Nazis jeden Juden verfolgten, unabhängig von seiner Weltanschauung oder seiner religiösen oder nationalen Identität. In der Hinsicht scheint der Antizionismus in der Tat dem religiösen Antijudaismus ähnlicher zu sein, der Juden die Möglichkeit zur Konversion lässt. Doch dieser Unterschied bröckelt bei genauerer Betrachtung. Schon für den Antisemitismus wäre zu fragen, ob wirklich alle antisemitischen Ideologen des 19. und 20. Jahrhunderts, das Programm so schonungslos durchzogen wie die Nazis. Das lässt sich erahnen, wenn Hitler gegen „gefühlsmäßige“ Antisemiten, die Ausnahmen machen, seinen „Antisemitismus der Vernunft“ in Stellung bringt. So oder so geht für den Antijudaismus die umgekehrte Diagnose nicht auf: Auf die häufig unter mehr oder weniger offenem Zwang vollzogene Massenkonversion von Juden im Spanien des 14. und 15. Jahrhunderts folgte bekanntlich die Doktrin der „limpieza de sangre“ und die Inquisition nach Krypto-Juden. Und auch jüdische Antizionisten werden weiterhin von Antizionisten „drangsaliert“. Zwei Beispiele aus den letzten Wochen: Der Aktivist Laith Marouf erklärt, dass er niemals neben einem Juden auf einer Plattform auftreten würde und dass die einzige akzeptable Rolle für jüdische Antizionisten darin bestünde, „nachzuplappern“, was Palästinenser vorgeben. [2] Der bekannte jüdische Antizionist Peter Beinart fand sich in einem Shitstorm von antizionistischer Seite wieder, weil er an der Universität in Tel Aviv vorgetragen hat. [3] In entsprechenden Kommentaren zu beiden Fällen sind jüdische Antizionisten schon nicht mehr „Beweis für die eigene Größe“, sondern scheinheilige Heuchler.
Worauf diese Auflistung von Beispielen hindeutet: Allen Arten des Judenhasses (in welchem Verhältnis zueinander auch immer man sie einordnen mag) scheint ein paranoides Element eigen zu sein, das jedem Juden und „Verjudeten“ früher oder später misstraut. Wenn die Beseitigung der „schlechten Juden“ nicht die erwartete Erlösung bringt, muss dieser Personenkreis erweitert werden. Wenn Juden als minderwertige Rasse, in Bezug aufs Johannesevangelium (8, 44) als „Kinder des Teufels“ oder als „privilegierte Weiße“ verstanden werden, ist die tatsächliche Weltanschauung jüdischer Individuen letztlich egal. (Zu argumentieren, dass Juden keine „privilegierten Weißen“ sind, wie es einige wohlmeinende „intersektionale“ Antisemitismuskritiker versuchen, ist nebenbei bemerkt in etwa so sinnvoll, wie zu argumentieren, dass sie keine „Kinder des Teufels“ sind.)
Kommen wir also zu dem Kernabsatz, in dem die Genossen Antisemitismus und Antizionismus bestimmen. Hier wird der Redebeitrag verworren, aber die Grundidee scheint zu sein, dass Antisemitismus regressiver Antikapitalismus in Zeiten der Durchsetzung der westlichen bürgerlichen Gesellschaft, während Antizionismus antiemanzipatorischer Antikapitalismus in Zeiten ihrer Auflösung ist: „Für den Antisemiten war der Jude schuld am ausufernden Zwang des gesellschaftlichen Prozesses, für all das Elend, das dabei war, die Welt zu verschlingen. […] Antizionisten sehnen den Untergang der alten Ordnung herbei.“ In dieser durch den Bruch vermittelten Kontinuität betonen die Genossen nun den Bruch: „Deswegen erscheint [den Antizionisten] der Angriff der Hamas als Befreiung. Nicht weil Juden dort niedergemetzelt wurden, sondern weil der Kampf gegen die Aufrechterhalter des Alten, des vergehenden gesellschaftlichen Zwangs begonnen hat. […] Zionist ist das Wort geworden für Vertreter der westlichen bürgerlichen Gesellschaft, für Menschen, die diese erhalten wollen.“
Die entscheidende Frage, die sich die Genossen aber nicht stellen, ist, wieso ausgerechnet jüdische Zionisten die Vertreter der westlichen, d.h. christlich geprägten, bürgerlichen Gesellschaft sein sollen. Zwar wären die Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 nicht weniger verurteilenswert gewesen, hätten sie ausschließlich Nichtjuden getroffen. Doch ist die Tatsache, dass sie eben in erster Linie Juden getroffen haben, der Grund dafür, dass sie erfolgt sind – und vor allem dafür, dass so viele, die sonst ihren Humanismus vor sich hertragen, diesen Angriff bis heute leugnen, relativieren, rechtfertigen oder gar explizit gutheißen.
[1] https://www.alea-le.org/dokumentation/redebeitrag-einiger-genossen-von-alea-zum-9-11/ [Offensichtliche sprachliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert]
[2] https://www.jns.org/the-unflinching-reality-facing-jewish-opponents-of-zionism/
[3] https://www.jns.org/peter-beinart-pummeled-and-purged/

