Aktivismus im Kapitalismus – Persönliche Konflikte als Kristallisation gesellschaftlicher Widersprüche!? | Ein Vortrag von Minze Maraffa
9. Juni , 19:00 – 21:00
Nach vielen Jahren Erfahrung in aktivistischer Selbstorganisation in unterschiedlichsten Gruppen konnte ich lernen, dass sich manche Konflikte in dieser Praxis nicht mehr wegdenken lassen, da sie zwanghaft in allen Kontexten auftauchen. Um einige zu nennen: Wer macht wann welche Arbeiten und bekommt dafür welche Anerkennung? Wie gehen wir damit um, wenn Menschen auf sich selbst und ihre »Kappas« achten und deshalb andere im Burn-Out landen, um ein Projekt über Wasser zu halten? Und warum haben die meisten aktiven Menschen Gewissensbisse, da sie tagtäglich abwägen müssen, ob sie ihrer bürgerlichen Tätigkeit oder ihrer aktivistischen Praxis die begrenzte Zeit, die sie haben, zur Verfügung stellen möchten?
Das Ziel dieses Vortrages ist es, die Widersprüche aktivistischer Praxis als bestimmte Ausdrucksformen der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Denn Aktivismus steht unserer Gesellschaft nicht als eigenes Gegenüber, sondern ist fester Bestandteil von ihr. Indem die aktivistischen Widersprüche als Kristallisationen gesellschaftlicher Widersprüche dargestellt werden können, erweisen sich die immer wiederkehrenden Konflikte in selbstorganisierten und aktivistischen Räumen nicht mehr als individuelle Probleme, sondern als Probleme der Individuation. Denn ein Kernanliegen des Aktivismus in unserer Gesellschaft besteht darin, ein Selbst und eine Individualität, die vom Kapitalismus tagtäglich erwartet wird und durch die Struktur der Arbeit immer prekär ist, zu pflegen und (manchmal auch) zu inszenieren. Erscheinen die Widersprüche aktivistischer Praxis als persönliche Probleme – oder wird sogar versucht, diese durch ›Disziplinierung‹ zu bearbeiten – dann tritt eine Verkehrung auf, in der gesellschaftliche Widersprüche als individuelle Probleme erscheinen. Aktivismus, der das Leiden an dieser Gesellschaft beenden will, sollte sich dieser Struktur bewusst werden. Die Relevanz der hier vollzogenen Reflexionen liegt deshalb darin, dass sich die aktivistische Praxis ihrer eigenen gesellschaftlichen Funktion bewusster wird. Dadurch, so die Hoffnung dieses Vortrages, wird eine Klarheit über Rolle, Motivation und Möglichkeitsräume aktivistischer Praxis größer.
Der Vortrag richtet sich an ein Publikum, das an Reflexion interessiert ist und gegebenenfalls aus der aktivistischen Praxis kommt. Dem Anspruch nach wird kein fundiertes theoretisches Vorwissen benötigt. Hoffentlich wird der Vortrag dem Anspruch gerecht.
