Der audio-visuelle Input „Wir packen unsere Bibliothek aus“ von kssndrswk gibt keine Antwort auf die Frage “Warum eine Bibliothek?”, sondern lässt Bilder und Erinnerungen entlang eines Textes von Walter Benjamin vorbeiziehen. Er dreht sich in assoziativer Weise um die Frage, wie aus Einzelnen ein Ganzes, wie aus Büchern eine Bibliothek wird. Der Blick schweift ab auf Bleisatz, Papiermaschinen und Getriebe; die Gedanken auf die Schrullen echter Sammler und in die Benjaminsche auratische Ferne; und auf verfehlte Formen. – Mit der Eröffnung der disputhek ist die Frage nach dem Verhältnis unserer Bücher zum Format Bibliothek nicht schon hinter den Kulissen vollständig geklärt – wir sind aktuell mitten im Sortieren, die Katalogisierung noch ausstehend. Tatsächlich: Wir packen unsere Bibliothek gerade erst aus. Der Input versucht dieses Moment einer Bibliothek, das “der aufgebrochenen Kisten, der von Holzstaub erfüllten Luft” und das noch nicht “von der leisen Langeweile der Ordnung” Umwitterte einzufangen und die Gedanken, Vorstellungen und Ideen ein wenig ins Tanzen zu bringen.
Kommentar von
Minze Maraffa
Die Dialektik von Ordnung und Unordnung
Vielen Dank erst einmal dir kssndrswk, für diesen Film. Weil es ein Film und kein Vortrag ist, fordert mich das Kommentieren heraus. Immerhin gibt es ein Kunstwerk, was nicht zur Gänze sprachlich fassbar ist, was in mir zwar etwas auslöst, in euch allen aber vielleicht etwas anderes. Deshalb behalte ich meine Interpretationen fürs erste für mich und nutze dein Werk als Inspiration, um eine Figur, die in dem Text von Benjamin aufgetaucht ist, noch einmal genauer darzustellen.
Wir haben uns für diesen zweiten inhaltlichen Teil für die Frage „Warum eine Bibliothek?“ entschieden, weil die Disputhek ein ganz zentrales Projekt des Disput e.V. ist und gerade im letzten Jahr unsere meiste Energie hier hineingeflossen ist. Doch sind wir kein Verein, der eine Sammlung erstellen möchte, uns – oder zumindest mir – geht es nicht in erster Linie um das Exemplar, sondern um den Raum. Es ist ein Raum zum Denken und ein Raum zum Diskutieren. Ein Raum zwischen Uniseminaren und Politik. Ein Raum zwischen und in sächsischen Verhältnissen. Die Bücher, in ihrem Regalen, Rahmen diesen Raum ein.
Was macht nun diesen durch die Bücher eingerahmten Raum aus? Die Bücher sind großteils aus Joachim Bruhns Privatsammlung. In der Platzierung, in den Notizen und im Einband versteckten Zeitungsartikeln ist Bruhns Denken vergegenständlicht. Doch darüber hinaus sind die Bücher selbst schon Vergegenständlichungen der Gedanken von Autor:innen der letzten Einhundert Jahre und weit darüber hinaus bis in die Antike zurück. Und schließlich haben wir als Verein die Regale beräumt und sortieren gerade immer weiter, geben der räumlichen Beziehung der Bücher eine inhaltliche Bestimmung. Die Bibliothek, Der von den Büchern gerahmte Raum, bildet durch diese dreifache Vergegenständlichung eine Ordnung ab. Die Ordnung des vergegenständlichten Gedankens der Autor:innen in den Texten, Bruhns mit den Büchern, und des Vereins in der Sortierung.
Diese Ordnung ist jedoch zugleich eine Unordnung.
Wahrscheinlich jede von euch hat schon einmal ein Buch gelesen. Und wahrscheinlich wird auch jede die Erfahrung gemacht haben, dass wenn ihr gefragt werdet, was denn der ‚Inhalt‘ des Buches sei, dieser sich nicht so leicht, nicht so ordentlich preisgeben lässt. Ein Buch zu lesen ist eben auch eine Erfahrung, die sich nicht auf eine Kernthese reduzieren lässt. Die besten Bücher, die ich je gelesen habe, sind die, wo ich danach nicht genau wusste, was die Autor:in mir sagen will. Stattdessen war ich vor allem verwirrt und hatte vor Schwindel ein bisschen Kopfschmerzen. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich gerade Antworten gefunden habe. Die Ordnung des Buches ist zwar textlich, es folgt die Einleitung auf das Inhaltsverzeichnis, Absatz auf Absatz, Argument auf Argument. Gedanklich stecken in den Büchern aber, zumindest den Anspruch nach eine Lebendigkeit, welche sich nicht ordentlich vergegenständlichen lässt, welche nur durch die Praxis des Lesens hervortreten kann und jede Leseerfahrung zu einer Besonderen macht.
Und genauso lässt sich auch Bruhns Denken in dieser Bibliothek nicht konserviert vorfinden. Es gibt Wörter und Linien am Rand von Texten, oder auch Bücher, die so aussehen, als ob Bruhn sie zwar besitzen wollte, nicht aber lesen. Doch Bruhns Modus war die Kritik, das heißt die Abarbeitung am jeweiligen Gegenstand, meist in der Form des Essays. Als diese lebendige Form kann das Denken Bruhns zwar erahnt, nicht jedoch in der Ordnung der Bibliothek vorgefunden werden.
Und schließlich ist auch die Sortierung keine ordentliche Sache. Immerhin stecken wir mittendrin. Nun könnte man sagen, dass wir einfach noch nicht fertig sind. Doch was würde es bedeuten, fertig sortiert zu haben? Für jedes Buch die perfekte Kategorie, den perfekten Oberbegriff, einen klaren Nachbar gefunden zu haben? Die Verortung eines Buches kann nie vollständig die Erfahrung darstellen, welche die Leser:in an ihm machen kann. Eine Ordnung der Bücher in ihrer Beziehung zwischen ihnen kann immer nur defizitär, immer nur instabil und für den Moment bestehen.
Die Bibliothek als dreifache Vergegenständlichung der Autor:innen, Bruhns und des Vereins erschafft also eine Ordnung, welche zugleich eine Unordnung ist. Dies ist, wovon Benjamin in seinem hier filmisch dargestellten Text spricht, wenn er die „Dialektik zwischen größer Ordnung und größter Unordnung“ sagt. Dies ist, so möchte ich in meinen abschließenden Worten argumentieren, auch der Grund, warum sich eine Bibliothek hervorragend eignet, die Ziele unseres Arbeitszusammenhangs zu verräumlichen.
In Zeiten von Polarisierung, Angst vor faschistischen Verhältnissen und Angriffen auf Politiker:innen; kurz, wenn es aus linker Perspektive ganz schnell ganz viel ganz anders braucht, Dann ist die leichte Antwort auf die schwere Frage manchmal subjektiv lebensnotwendig. Die Folge: für die Hoffnung auf das emanzipatorische Projekt, die Hoffnung, dass nicht alles scheiße ist und scheiße bleiben muss, wird ein Opfer gefordert. Willst du Hoffen können musst du deine Zeit opfern, dich anstrengen. Du musst deine Ängste opfern und konsequent handeln. Mutig sein. Du musst deine Zweifel opfern. Jetzt gelte es nicht zu spalten, sondern zusammenzustehen, damit wir schnell viel anders machen können. In dieser linken Opferpraxis sind die Menschen defizitär, denn wären die Menschen schon anders, hätten sie mehr geopfert, fleißiger geopfert, reflektierter geopfert, effizienter geopfert, dann wäre die befreite Gesellschaft schon erreicht. Darum müssen alle anderen, die, die nicht opfern wollen, zu Feinden, Idioten, Hassobjekten werden. Das Einzige, was nicht defizitär ist, ist die Hoffnung auf die befreite Gesellschaft, der das Opfer gilt. Doch wird die befreite Gesellschaft nicht wahrer, weil sie plausibler wird, sondern sie muss wahrer werden, weil das Eingeständnis, dass dieses emanzipatorische Projekt vielleicht doch keine Erlösung bietet, die vergangenen Opfer für sinnlos erklärt, die Gewalt gegen sich und andere nachträglich einem Zweck entzieht.
Wenns brennt, klammern wir uns an der Hoffnung, dass wir das Feuer löschen könnten, um irgendwann ins Paradies einzutreten. Je größer der Brand, um so größer müssen wir uns die Antworten auf den Brand halluzinieren. Und die Bibliothek bietet dieser Suche nach Antworten ihr Material. Wer Orientierung sucht, kann sich hier Orientieren. Wer Ordnung sucht, findet eine Ordnung vor. Nicht jedoch, ohne diese Ordnung als Unordnung zu erleben. Nicht jedoch, ohne dass in der Erfahrung der Unordnung in der Ordnung der Bibliothek eine Langsamkeit einführt, die die Unordnung der Welt selbst erfahrbarer, ja auch aushaltbarer macht.
Um zum Schluss zu kommen. Die Bücher spannen einen Raum der geordneten Unordnung, der ungeordneten Ordnung. In diesem Raum kann hier und heute, wo die politische Linke vor allem aus Enge und Handlungsdruck heraus agieren muss, Platz entstehen, indem nicht nur die Fragen der jeweiligen Benutzer:innen ihre Antworten finden können, sondern wo vor allem auch der Raum entsteht, dass sich die Fragen und die Benutzer:innen darin selbst verändern können. Doch möchte ich hier abschließend die Betonung auf das Können legen. Egal wie gut geeignet der Raum zwischen den Büchern ist, am Ende hängt es von den Menschen ab, die dazwischen tätig sind.
Benjamin, Bibliothek, Barbarei, Büchersammeln, Befreiung…
Wir haben einen Ausschnitt aus der Geschichte der Buchproduktion gesehen und den von kssndrswk eingesprochenen Text „Ich packe meine Bibliothek aus“ (W. Benjamin) gehört. Gerne möchte ich auf den Beitrag fragmentarisch in drei Akten eingehen.
Wir haben eine Exposition, Höhepunkt, Katastrophe oder Lösung; die Steigerung und das retardierende Moment lasse ich aus Zeitgründen weg.
1. Akt: Exposition. Vom Dialog zum Büchersammeln
Für Sokrates war das Gespräch kein bloßes rhetorisches Mittel, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass Wahrheit im gemeinsamen Denken entsteht. Die sokratische Methode der
Elenktik ist eine negative: es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln, sondern Unwissenheit
bewusst zu machen, um Raum für echtes Denken zu schaffen.
Platon übernimmt die Form des kritischen Fragens: erst durch die Infragestellung von Meinungen kann man zur wahren Erkenntnis (episteme) gelangen.
Auch bei Aristoteles findet die Dialektik im Gespräch statt, konkret im Untersuchungsgespräch, bei dem aus der endoxa, das ist anerkannte Meinung, widerspruchsfrei für oder gegen eine Proposition argumentiert wird; es geht um die Führung des Disputs zur Übung und dem Einüben von topoi, die im Alltag und wissenschaftlichen Untersuchung behilflich sind, um den*die Gegenüber zu überzeugen.
Heute ist der dialogische Charakter aus der Akademie und linken Räumen verschwunden.
Es geht nicht mehr darum, gemeinsam Wahrheit zu erarbeiten, sondern entweder Statements rauszuhauen oder die eigenen Gedanken zu pushen. Das gilt auch für die Buchform: Bücher entstehen in dialogischer Auseinandersetzung, aber sie sind meistens als Monologe formuliert. Gesammelte Bücher, die in Regalen oder Clouds vor sich hin vegetieren, ohne Diskussion, ohne Bearbeitung, ohne ein Zerfleischen, leben nicht wirklich, sie sind tot. Gut, dass unsere Bücher nicht in einer Bibliothek, sondern der Disputhek stehen.
2. Akt: der Höhepunkt. Wir sammeln Bücher inmitten vom Trümmerhaufen der
Geschichte und reden über diese.
Wir hörten im Film Benjamins Aufsatz „Ich packe meine Bibliothek aus“. Die Frage, die ich
mir stelle, ist, was Benjamin uns für unsere heutige Zeit sagen kann. Es lassen sich vielfältige Paralleln zwischen dem verspielten, persönlichen, anekdotischen Bibliothekstext und dem philo-sophischen und sakral aufgeladenen geschichts-philosophischen Thesen ziehen. Für mich ist vor allem der Stillstand als Moment des Erkennens zentral.
In „Ich packe meine Bibliothek aus“ befinden wir uns in einem Moment des Stillstands – die Bücher sind (noch) nicht einsortiert, sie liegen offen da, rufen Erinnerungen wach. Sie befinden sich zwischen Ordnung und Unordnung. Der Sammler wird erst im Aussterben begriffen. Auch in den geschichtsphilosophischen Thesen ist der Stillstand wesentlich, den ich gerne mit dem Wandel der Sinnsetzung in der Moderne und dem Konzept der Regression verbinden möchte. Die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft prägt ein neuer Geschichtsbegriff, mit welchem der Sinn nicht mehr von den vorherigen Generationen zyklisch den zukünftigen Generationen übergeben wird, sondern Sinn in der eigenen, selbstbewussten Tätigkeit
erschaffen wird. Die zentrale Veränderung, die die moderne Geschichte mit sich bringt, ist, dass die Bedeutung der Vergangenheit sich in Abhängigkeit von der Gegenwart ändert und dass die Gegenwart den eigenen Zwecken gemäß verändert werden kann. So ist Geschichte primär durch das Hier und Jetzt bedingt und wir müssen auf unseren
historischen Moment reflektieren. Die Zeit der Geschichte ist keine abstrakte und leere in der sich Ereignisse in einem Kontinuum aneinanderreihen. Das Narrativ einer überzeitlichen Geschichte ist selbst ein gesellschaftliches – wir leben in
moderner Geschichte und damit dem Zeitalter der unvollkommenen bürgerlichen Versprechen. Unser Zeitalter ist gekennzeichnet durch ein sehr diffus gewordenes Freiheitsversprechen der bewussten Organisation der Naturnotwendigkeiten, die mit den Revolutionen des Dritten Standes (Glorius Revolution, Amerikanische Revolution und Französiche Revolution) unmittelbar zum Ausdruck kamen und eine neue Wendung mit der total gewordenen kapitalistischen Produktionsweise und der Entstehung des europäischen Industrieproletariats erhält. Die bürgerlichen Subjekte beziehen sich zueinander nicht länger auf der Grundlage einer strikten Hierarchie, aufgrund traditioneller Werte, sie folgen keiner göttlichen Bestimmung, sondern sollen ihre Werte selbst, mit anderen setzen.
Doch die Versprechen der sich entwickelnden bürgerlichen Produktionsverhältnisse, in denen
alle durch Arbeit am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben sollen, geraten in einen Widerspruch mit dem technologischen Fortschritt. Die maschinelle Produktion und damit einhergehende Produktivitätssteigerung der Industrialisierung machen nicht die Arbeit, die Waren und den Wert, sondern die Arbeiter überflüssig: der Anteil der toten Arbeit am Wertverhältnis steigt, aber es ist immer noch die lebendige Arbeit, die Wert schafft: es kommt zur Verelendung und Arbeitslosigkeit bei
gleichzeitiger Kapitalakkumulation. So ist zentral, dass in dem widersprüchlich gewordenen Verhältnis von Produktionsverhältnissen und Produktionsmitteln, der sich im Klassenkonflikt von Kapital und Arbeit ausdrückt, nicht nur die Krise, sondern auch die „Linke“ entstand. Mitten in den dramatischen sozialen Veränderungen des 19. Jahrhundert prognostizierte Marx die fortschreitende Proletarisierung der Gesellschaft und intervenierte in die bestehenden Sozialismen kritisch, dass das Proletariat sich selbst aus diesem Zustand befreien
muss. Nach Marx ist „die Linke“ Teil des Kapitalverhältnisses und unterscheidet sich von „der
Rechten“ anhand des Bewusstseins ihres historischen Momentes der Entstehung und der
Reflexion der geschichtlichen Bedingungen und Möglichkeiten ihrer eigenen Aufhebung. Ihre Aufhebung bedeutet die Aufhebung der Klassenherrschaft und würde qualitativ eine
neue Stufe menschlichen Zusammenlebens einläuten.
Der Begriff der Regression, der Benjamin den Ruf eines pessimistischen Philosophen
verliehen hat, lädt dazu ein, die vergangenen Kämpfe, die auf eine bewusste Organisation der
Naturnotwendigkeiten hinzielten, zu erinnern.
Erinnern bedeutet nicht, sich in wiederholten Rhythmen in vergangene Ereignisse reinzuprojizieren, sondern das Verstehen der qualitativen Entwicklungsmomente und die damit
verbundenen Bewusstseinsformen, die wir in Geschichte als moderner durchgemacht haben
Es ist absurd, dass Benjamin die Thesen 1940, auf dem Höhepunkt des deutschen Faschismus,
als auch Stalinismus verfasste, trotz dieser vermeintlichen Unmöglichkeit an die Möglichkeit
eines emanzipativen Bruches glaubte und aufgrund dieses Glaubens in die sozialdemokratische
und stalinistische Linke intervenierte. Zwischen Benjamin und uns liegt das vollentwickelte Lagersystem, die Neue, sich ab den 50ern
entwickelnde Linke, der Zusammenbruch der UdSSR, die Wiedervereinigung und die Linke
der 2000er, in deren Kontinuität wir stehen. Wenn wir Wirklichkeit begreifen wollen, dann können wir Geschichte nicht ausblenden und wenn wir das tun, verstehen wir Geschichte nicht, sondern behandeln sie als reines Abstraktum. Vielmehr denke ich, müssen wir Wirklichkeit aus Geschichte und konkret aus der Geschichte „der Linken“ heraus verstehen, die ich als die treibende Kraft des 20. Jahrhunderts und uns als Kinder dieses Jahrhunderts begreife.
3. Akt: Katastrophe und Lösung. Bibliothek oder Barbarei?
Die zentrale Frage, die ich mir stelle, ist, was zu tun ist, wenn erstmal eine politische Reorganisation benötigt wird, bevor jegliche soziale Fragen der Reorganisation gestellt werden können. In weniger aufgeladenen Worten: man muss erstmal politische Macht haben, um das in dieser Gesellschaft angelegte revolutionäre Vermögen zu verwirklichen und so sozialem Leid und Missständen, die dieser Gesellschaft entspringen, wirklich begegnen zu können. Wie Freiheit als zum Bewusstsein gebrachte Organisation von Naturnotwendigkeit in bürgerlicher
Gesellschaft, die Rolle des Staates in der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise, die
gespaltene, konflikthafte psychodynamische Verfasstheit des schwachen Ichs und auf
Führeridentifikation gerichtete Massen zusammengenommen werden können, ist mir diffus und gerne würde ich diesen Fragen gemeinsam nachgehen.
Ferner frage ich mich:
Ist die Disputhek ein politisches Projekt? Ist es ein existenzialistisches? Ein akademisches? Ein Projekt zur Identitätsvergewisserung? Oder ist es Freizeit und Hobby?
Die Besonderheit der Bibliothek liegt darin, dass sie ein physischer Raum ist und in einem Dialog die Möglichkeit für Reflexion, für Vermittlung und für den Bruch mit vermeintlich überzeitlicher Geschichte ermöglicht. Die zentrale Herausforderung liegt darin, selbst nicht zu einem denkenden Ding zu verkommen, in welchem die objektiven Spannungen und Widersprüche einseitig aufgelöst werden. Theoretische Auseinandersetzung ist nicht der heilige Grahl und ohne ein selbstbewusstes
Subjekt, das Geschichte zum Bremsen bringt, muss Theorie genauso hinterfragt werden, wie
die akademische Linke und die Praxis sozialer Bewegungen. Luxemburg schreibt in „Sozialreform oder Revolution“ 1899, dass die Überführung der
Gesellschaft aus den kapitalistischen in die sozialistischen Formen die gewaltigste weltgeschichtliche Umwälzung darstellen würde. Ob uns das gelingt, ist sehr fraglich.
Was gewiss ist, dass in den hier stehenden Büchern von der Arbeiter*innenbewegung über Erkenntniskritik bis Hitlerbiografien genau diese gewaltigste weltgeschichtliche Umwälzung
vermittelt wird. Geschichtsphilosophische im Vergleich zur theoretischen Arbeit zeichnet aus, dass sie sowohl reflektiert, dass Philosophie sich mit dem entstandenen widersprüchlichen Freiheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft radikal wandelte, sie drängt zu ihrer Verwirklichung, als auch realisiert, dass heute Theorie und Praxis auseinanderliegen und beide fälschlicherweise in einer arbeitsteiligen Form verstanden werden. Das Aufzeigen der Abwesenheit von Theorie und Praxis schafft die Möglichkeit ihrer revolutionären Vereinigung.
Kommentar von
Natalia Fomina

