Öffentliche Lesekreise

In der disputhek finden einige öffentliche Lesekreise statt. Bitte bedenkt, dass Lesekreise eine kontinuierliche Teilnahme verlangen und ein Dazustoßen zum späteren Zeitpunkt nicht immer möglich ist.

Ursprung, Telos und das Dazwischen? Interventionen zur Geschichtsphilosophie

Start: 23. Mai 2025

„Geschichtsphilosophische Grundlagen“ – so betitelte das RefPob den ersten Block der Reihe. Was aber ist Geschichtsphilosophie? Und warum ist sie notwendig? Im ersten Vortrag soll zumindest die zweite Frage beantwortet werden. Um aber der Frage nach der Geschichtsphilosophie als Bedingung des Nachdenkens über Geschichte, der Reflexion auf die Geschichte und der Kritik des Geschichtsdenkens einerseits en detail, andererseits selbstständig nachgehen zu können, wird in den nächsten Wochen ein zusätzlicher Lesekreis angeboten. Von Walter Benjamin und Ernst Bloch über Jacob Taubes und Wolfhart Pannenberg bis hin zu Gerhard Stapelfeldt und Peggy Breitenstein sollen durch die Lektüre und Diskussion philosophische sowie theologische Momente der Geschichte beleuchtet werden, um ihre inhärente Logik befragen und sie als gesellschaftskritische Kategorie verstehen zu können.

Der Lesekreis ist beendet.

Es denkt (Ilse Bindseil)

Start: 21. Januar 2026

Irgendwie geht alles den Bach runter. Inflation, Rechtsruck und Abschottung, eine erstarkende AfD. Friedrich Merz fordert auf einmal, dass Menschen 70 Stunden die Woche arbeiten sollen und ihre Rente durch Aktien sichern. Darüber lässt sich leicht den Kopf schütteln und sagen: Schlimm, schlimm, was für Idioten. Doch diese Verurteilung hilft nicht dabei, die Gesellschaft, in der wir alle gemeinsam leben, besser zu verstehen. Und nur wenn wir verstehen, in welcher Gesellschaft wir leben, können wir sie überhaupt in eigene Regie nehmen, können wir die Gesellschaft zu etwas Besserem verändern. Eine theoretische Auseinandersetzung damit, was die Gesellschaft heutzutage ausmacht, hilft, die Gesellschaft besser zu verstehen.

Gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Vorbehalte dagegen, sich mit den Texten toter Männer zu beschäftigen. Ein Vorbehalt ist, dass beispielsweise Marx oder Lenin als Autorität gehandhabt werden, der es zu gehorchen gelte. Dann wird Marx oder Lenin gelesen, aber nicht, um die Gesellschaft besser zu verstehen, sondern um Orientierung für die politische Praxis zu erhalten. Dann bedeutet Emanzipation, Marx und Lenin richtig auszulegen und ihnen zu gehorchen. Ein anderer Vorbehalt ist, dass die Auseinandersetzung mit der Theorie dazu benutzt wird, um sich selbst über die anderen Menschen zu erheben. Dann gibt es die Gruppe der Gebildeten, die verstanden haben, wie die Gesellschaft funktioniert. Und damit auch die Gruppe der Idioten, die es nicht verstanden hätten. Die Vorbehalte gegen eine theoretische Auseinandersetzung beziehen sich demnach darauf, dass Theorie benutzt wird entweder, um die eigene Praxis abzusichern, oder, um sich selbst über andere Menschen zu erheben. Dadurch ergibt sich die Frage, was eigentlich die Aufgabe einer theoretischen Auseinandersetzung sein kann und sollte.

Dieser Frage möchten wir uns in einem Lesekreis widmen. Wir werden ‚Es denkt‘ von Ilse Bindseil (1945-) lesen. Bindseil ist eine kritische Theoretikerin, die seit den 1980er Jahren publiziert. Eine Frage, die das Werk immer (mehr oder weniger explizit) begleitet, ist,  inwiefern Erkenntnis von der Gesellschaft immer auch Selbsterkenntnis sein muss, da wir selbst ja Teil der Gesellschaft sind. ‚Es denkt‘ wurde 1995 veröffentlicht und widmet sich auf einer sehr grundsätzlichen Ebene der Frage, was die Zuständigkeit und Grenzen des Denkens sind. ‚Es denkt‘ ist ein „Plädoyer gegen die Lieblingsbeschäftigung Kritischer Theorie, Geist gegen Gesellschaft auszuspielen“, das heißt, sich durch die theoretische Auseinandersetzung über die Gesellschaft zu erheben. Nach Bindseil muss sich die Theorie klarmachen, wie die Gesellschaft ist, darf aber der Praxis weder sagen, wie die Gesellschaft verändert werden sollte, noch darf die theoretische Perspektive das eigene (richtige) Denken der (falschen) Gesellschaft gegenüberstellen.

Der Lesekreis findet immer mittwochs von 17:00 bis 19:00 statt und startet am 21.1. ‚Es denkt‘ ist mit 112 Seiten recht kurz. Das Buch eignet sich auch als Lesekreis, weil es vom Schreibstil zwar sehr kompliziert ist, aber vergleichsweise wenig Vorwissen voraussetzt. Weil die Sätze teilweise recht verschachtelt geschrieben sind, lesen wir vorraussichtlich jede Woche nur 3-5 Seiten und kommen damit auf maximal 26 Sitzungen. Alle unterschiedlichen Vorerfahrungen sind willkommen, auch wenn du noch nie in einem Lesekreis warst, bist du herzlich eingeladen. Wir nehmen uns die Zeit, alle Begriffe so zu besprechen, dass jeder mitkommt. Die Bedingung dafür ist jedoch, dass wir eine beständige Gruppe sind. Nach den ersten zwei Sitzungen bitten wir darum, dass niemand mehr unabgesprochen neu dazukommt. Auch wünschen wir uns, dass, wenn du Lust hast, dabei zu sein, du regelmäßig kommst.

Dialektik der Aufklärung (Max Horkheimer & Theodor W. Adorno)

Start: 16. April 2026

Jürgen Habermas hat die 1944 erschienene Dialektik der Aufklärung als das schwärzeste Buch (Habermas 1988: 130) der Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bezeichnet. Die Dialektik der Aufklärung scheint seither nicht nur für Habermas ein durchaus pessimistisches Buch zu sein: die darin vertretene Zeitdiagnose behaupte ja die Verschlingung von Mythos und Ratio, die einseitig aufgelöst im Triumph der Barbarei über die Vernunft münde; in der Menschheitsgeschichte seien die Menschen demnach nicht über die Zeit vernünftiger, die Verhältnisse nicht menschlicher geworden, und überhaupt, die Einrichtung einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, wie sie seit der Neuzeit in bürgerlichen und proletarischen Revolutionen gleichermaßen angestrebt wurde, für gescheitert erklärt. 

Wir wollen uns daher – ist das Buch doch in der dunkelsten Stunde des 20. Jahrhunderts entstanden – genauer anschauen, ob die Diagnose, die Adorno und Horkheimer der geschichtlichen Entwicklung und den Gesellschaften, die diese vorangetrieben haben, unterbreiten, trägt. Ist Vernunft heute Unvernunft, Hypermoderne ein versteckter Archaismus und die Wissenschaft vollendeter Aberglaube – sind das Scheitern des aufklärerischen Denkens im Nationalsozialismus und die zynische Verwirklichung der technischen Rationalität in den Vernichtungslagern tatsächlich unrettbare Erben der Geschichte der Philosophie? Lässt sich angesichts dessen, was geschehen ist, Philosophie auch heute weiter betreiben, die Philosophie, die gemäß ihrer Ursprünge an die Eudämonie, das geglückte Leben glaubte, und stets dafür zu kämpfen bereit war? 

Im Lesekreis wollen wir die Dialektik der Aufklärung daher im Sinne einer immanenten Kritik (der Philosophie wie der bürgerlichen Gesellschaft) lesen, als eine Kritik, die Aufklärung und Denken, Rationalität und Vernunft nicht hinter sich zu lassen gewillt ist, sondern einen Weg aus dem Inneren dieser Begriffe und der Gesellschaft, innerhalb derer sie entstanden sind, sucht. Immanente Kritik kommt daher ohne transzendente Gewissheiten, ein ontologisches Fundament oder metaphysische Voraussetzungen (Voller 2022: 356) aus – sie arbeitet sich an der Genese dieser Begriffe ab und überprüft ihre Geltung in und anhand der gegenwärtigen Gesellschaft. 

Gegenstände der immanenten Kritik sind in dem von uns zu lesenden Buch neben dem philosophischen Denken und seiner Geschichte sowie dem Wirken der Massenmedien zur Mitte des 20. Jahrhunderts zentral die Anamnese des den Völkermord an den europäischen Juden ermöglichenden Antisemitismus, der auch nach 1945 – wurde das Buch 1947 erweitert wiederveröffentlicht, bevor es 1969 endgültig auf den deutschen Markt kam – in den demokratischen Gesellschaften des Westens für die beiden Autoren umso extensiver fortwest.

Für uns heute sind die drei genannten Gegenstände, die nicht auf einen abstrakten Begriff gebracht werden können, weiterhin zentral; eine Beschäftigung mit ihnen geboten. Vielleicht ist das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte gemäß der Stimmung, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung beim Lesen dieses Kapitels so brilliant einzufangen vermochten, auch die unsrige: Schock angesichts des Gegebenen, der nicht zur Resignation, sondern zum emphatischen Denken uns verleiten muss, angesichts aller Hoffnungslosigkeit. – “Diese Stimmung, diese Einstellung ist nicht mehr die unsrige”, schreibt Jürgen Habermas (1988: 130), und wir sind gezwungen zu antworten: ‘Diese Stimmung, diese Einstellung sollen nicht mehr die unsrigen sein, und doch sind wir verpflichtet, sie zu spüren und sie einzunehmen.’


Habermas, Jürgen (1988): Die Verschlingung von Mythos und Aufklärung: Horkheimer und Adorno. In: ders.: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 130-157.

Voller, Christian (2022): In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie. Berlin: Matthes und Seitz.

Pariser Manuskripte (Karl Marx)

Start: 8. Mai 2026

»Wenn der wirkliche, leibliche, auf der festen wohlgerundeten Erde stehende, alle Naturkräfte aus- und einatmende Mensch seine wirklichen, gegenständlichen Wesenskräfte durch seine Entäußerung als fremde Gegenstände setzt, so ist nicht das Setzen Subjekt; es ist die Subjektivität gegenständlicher Wesenskräfte, deren Aktion daher auch eine gegenständliche sein muß. Das gegenständliche Wesen wirkt gegenständlich, und es würde nicht gegenständlich wirken, wenn nicht das Gegenständliche in seiner Wesensbestimmung läge. Es schafft, setzt nur Gegenstände, weil es durch Gegenstände gesetzt ist, weil es von Haus aus Natur ist. In dem Akt des Setzens fällt es also nicht aus seiner ›reinen Tätigkeit‹ in ein Schaffen des Gegenstandes, sondern sein gegenständliches Produkt bestätigt nur seine gegenständliche Tätigkeit, seine Tätigkeit als die Tätigkeit eines gegenständlichen natürlichen Wesens.«
(MEW 40:570)

Die Fesseln der Liebe (Jessica Benjamin)

Start: 8. Mai 2026

Die Fesseln der Liebe (orig.: The Bonds of Love) von Jessica Benjamin wurde erstmals im Jahr 1988 veröffentlicht. Allerdings wirkt das Werk auf viele Rezipient:innen noch heute, fast 40 Jahre später, äußerst aktuell. Denn die Autorin gibt darin eine Erklärung für das vergeschlechtlichte Zusammenspiel von Begehren und Patriarchat. Sie analysiert, wie dieses im Denken und Handeln intersubjektiv reproduziert wird und zeigt so, dass patriarchale Herrschaft nicht unabhängig von der psychischen Disposition der Subjekte gedacht werden kann. Wir alle sind demnach durch die Art und Weise, wie wir uns aufeinander beziehen, von Kindheit an in den Herrschaftszusammenhang verstrickt. Damit nimmt sich Benjamin nicht weniger vor, als die Psychoanalyse nach Freud einer grundlegenden Revision und feministischen Kritik zu unterziehen, um das Patriarchat und mit ihm das vergeschlechtlichte Subjekt neu zu denken.

Im Lesekreis wollen wir uns ihr Werk gemeinsam erschließen und diskutieren. Eingeladen sind alle, die Interesse an einer derartigen Auseinandersetzung haben – unabhängig vom Kenntnisstand in feministischer und psychoanalytischer Theorie. Bei der ersten Sitzung am 8. Mai werden wir uns ein gemeinsames Konzept für den Lesekreis überlegen. Das heißt, dass es keine Exper:innen gibt, welche durch den Text leiten. Dafür haben alle die Möglichkeit, den Modus mitzubestimmen und sind eingeladen durch Diskussionsbeiträge, Moderation und Protokollführung zu unterstützen. Der Lesekreis wird ab dem 08.05.2026 immer zweiwöchig freitags von 17:00 bis 19:00 in der disputhek stattfinden.