Lesekreis „Es denkt“ (Ilse Bindseil)
21. Januar , 17:00 – 19:00
[Immer mittwochs von 17 bis 19 Uhr]
Irgendwie geht alles den Bach runter. Inflation, Rechtsruck und Abschottung, eine erstarkende AfD. Friedrich Merz fordert auf einmal, dass Menschen 70 Stunden die Woche arbeiten sollen und ihre Rente durch Aktien sichern. Darüber lässt sich leicht den Kopf schütteln und sagen: Schlimm, schlimm, was für Idioten. Doch diese Verurteilung hilft nicht dabei, die Gesellschaft, in der wir alle gemeinsam leben, besser zu verstehen. Und nur wenn wir verstehen, in welcher Gesellschaft wir leben, können wir sie überhaupt in eigene Regie nehmen, können wir die Gesellschaft zu etwas Besserem verändern. Eine theoretische Auseinandersetzung damit, was die Gesellschaft heutzutage ausmacht, hilft, die Gesellschaft besser zu verstehen.
Gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Vorbehalte dagegen, sich mit den Texten toter Männer zu beschäftigen. Ein Vorbehalt ist, dass beispielsweise Marx oder Lenin als Autorität gehandhabt werden, der es zu gehorchen gelte. Dann wird Marx oder Lenin gelesen, aber nicht, um die Gesellschaft besser zu verstehen, sondern um Orientierung für die politische Praxis zu erhalten. Dann bedeutet Emanzipation, Marx und Lenin richtig auszulegen und ihnen zu gehorchen. Ein anderer Vorbehalt ist, dass die Auseinandersetzung mit der Theorie dazu benutzt wird, um sich selbst über die anderen Menschen zu erheben. Dann gibt es die Gruppe der Gebildeten, die verstanden haben, wie die Gesellschaft funktioniert. Und damit auch die Gruppe der Idioten, die es nicht verstanden hätten. Die Vorbehalte gegen eine theoretische Auseinandersetzung beziehen sich demnach darauf, dass Theorie benutzt wird entweder, um die eigene Praxis abzusichern, oder, um sich selbst über andere Menschen zu erheben. Dadurch ergibt sich die Frage, was eigentlich die Aufgabe einer theoretischen Auseinandersetzung sein kann und sollte.
Dieser Frage möchten wir uns in einem Lesekreis widmen. Wir werden ‚Es denkt‘ von Ilse Bindseil (1945-) lesen. Bindseil ist eine kritische Theoretikerin, die seit den 1980er Jahren publiziert. Eine Frage, die das Werk immer (mehr oder weniger explizit) begleitet, ist, inwiefern Erkenntnis von der Gesellschaft immer auch Selbsterkenntnis sein muss, da wir selbst ja Teil der Gesellschaft sind. ‚Es denkt‘ wurde 1995 veröffentlicht und widmet sich auf einer sehr grundsätzlichen Ebene der Frage, was die Zuständigkeit und Grenzen des Denkens sind. ‚Es denkt‘ ist ein „Plädoyer gegen die Lieblingsbeschäftigung Kritischer Theorie, Geist gegen Gesellschaft auszuspielen“, das heißt, sich durch die theoretische Auseinandersetzung über die Gesellschaft zu erheben. Nach Bindseil muss sich die Theorie klarmachen, wie die Gesellschaft ist, darf aber der Praxis weder sagen, wie die Gesellschaft verändert werden sollte, noch darf die theoretische Perspektive das eigene (richtige) Denken der (falschen) Gesellschaft gegenüberstellen.
Der Lesekreis findet immer mittwochs von 17:00 bis 19:00 statt und startet am 21.1. ‚Es denkt‘ ist mit 112 Seiten recht kurz. Das Buch eignet sich auch als Lesekreis, weil es vom Schreibstil zwar sehr kompliziert ist, aber vergleichsweise wenig Vorwissen voraussetzt. Weil die Sätze teilweise recht verschachtelt geschrieben sind, lesen wir vorraussichtlich jede Woche nur 3-5 Seiten und kommen damit auf maximal 26 Sitzungen. Alle unterschiedlichen Vorerfahrungen sind willkommen, auch wenn du noch nie in einem Lesekreis warst, bist du herzlich eingeladen. Wir nehmen uns die Zeit, alle Begriffe so zu besprechen, dass jeder mitkommt. Die Bedingung dafür ist jedoch, dass wir eine beständige Gruppe sind. Nach den ersten zwei Sitzungen bitten wir darum, dass niemand mehr unabgesprochen neu dazukommt. Auch wünschen wir uns, dass, wenn du Lust hast, dabei zu sein, du regelmäßig kommst. Wenn du gerne dabei sein möchtest, aber beim ersten Treffen nicht kannst, schreibe gerne eine Mail an bib@disputhek.de
