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Lesekreis Dialektik der Aufklärung

16. April , 19:00 21:00

[ab dem 16. April donnerstags ab 19 Uhr]

Jürgen Habermas hat die 1944 erschienene Dialektik der Aufklärung als das schwärzeste Buch (Habermas 1988: 130) der Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bezeichnet. Die Dialektik der Aufklärung scheint seither nicht nur für Habermas ein durchaus pessimistisches Buch zu sein: die darin vertretene Zeitdiagnose behaupte ja die Verschlingung von Mythos und Ratio, die einseitig aufgelöst im Triumph der Barbarei über die Vernunft münde; in der Menschheitsgeschichte seien die Menschen demnach nicht über die Zeit vernünftiger, die Verhältnisse nicht menschlicher geworden, und überhaupt, die Einrichtung einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, wie sie seit der Neuzeit in bürgerlichen und proletarischen Revolutionen gleichermaßen angestrebt wurde, für gescheitert erklärt. 

Wir wollen uns daher – ist das Buch doch in der dunkelsten Stunde des 20. Jahrhunderts entstanden – genauer anschauen, ob die Diagnose, die Adorno und Horkheimer der geschichtlichen Entwicklung und den Gesellschaften, die diese vorangetrieben haben, unterbreiten, trägt. Ist Vernunft heute Unvernunft, Hypermoderne ein versteckter Archaismus und die Wissenschaft vollendeter Aberglaube – sind das Scheitern des aufklärerischen Denkens im Nationalsozialismus und die zynische Verwirklichung der technischen Rationalität in den Vernichtungslagern tatsächlich unrettbare Erben der Geschichte der Philosophie? Lässt sich angesichts dessen, was geschehen ist, Philosophie auch heute weiter betreiben, die Philosophie, die gemäß ihrer Ursprünge an die Eudämonie, das geglückte Leben glaubte, und stets dafür zu kämpfen bereit war? 

Im Lesekreis wollen wir die Dialektik der Aufklärung daher im Sinne einer immanenten Kritik (der Philosophie wie der bürgerlichen Gesellschaft) lesen, als eine Kritik, die Aufklärung und Denken, Rationalität und Vernunft nicht hinter sich zu lassen gewillt ist, sondern einen Weg aus dem Inneren dieser Begriffe und der Gesellschaft, innerhalb derer sie entstanden sind, sucht. Immanente Kritik kommt daher ohne transzendente Gewissheiten, ein ontologisches Fundament oder metaphysische Voraussetzungen (Voller 2022: 356) aus – sie arbeitet sich an der Genese dieser Begriffe ab und überprüft ihre Geltung in und anhand der gegenwärtigen Gesellschaft. 

Gegenstände der immanenten Kritik sind in dem von uns zu lesenden Buch neben dem philosophischen Denken und seiner Geschichte sowie dem Wirken der Massenmedien zur Mitte des 20. Jahrhunderts zentral die Anamnese des den Völkermord an den europäischen Juden ermöglichenden Antisemitismus, der auch nach 1945 – wurde das Buch 1947 erweitert wiederveröffentlicht, bevor es 1969 endgültig auf den deutschen Markt kam – in den demokratischen Gesellschaften des Westens für die beiden Autoren umso extensiver fortwest.

Für uns heute sind die drei genannten Gegenstände, die nicht auf einen abstrakten Begriff gebracht werden können, weiterhin zentral; eine Beschäftigung mit ihnen geboten. Vielleicht ist das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte gemäß der Stimmung, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung beim Lesen dieses Kapitels so brilliant einzufangen vermochten, auch die unsrige: Schock angesichts des Gegebenen, der nicht zur Resignation, sondern zum emphatischen Denken uns verleiten muss, angesichts aller Hoffnungslosigkeit. – “Diese Stimmung, diese Einstellung ist nicht mehr die unsrige”, schreibt Jürgen Habermas (1988: 130), und wir sind gezwungen zu antworten: ‘Diese Stimmung, diese Einstellung sollen nicht mehr die unsrigen sein, und doch sind wir verpflichtet, sie zu spüren und sie einzunehmen.’


Habermas, Jürgen (1988): Die Verschlingung von Mythos und Aufklärung: Horkheimer und Adorno. In: ders.: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 130-157.

Voller, Christian (2022): In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie. Berlin: Matthes und Seitz.


Primärliteratur: 

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (2014 [1944/1947]): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Alfred Schmidt & Gunzelin Schmid Noerr (Hrsg.): Max Horkheimer. Gesammelte Schriften. Band 5: ‚Dialektik der Aufklärung‘ und Schriften 1940-1950. Frankfurt am Main: Fischer, S. 13-290.

Sekundärliteratur:

Becker-Schmidt, Regina (2017 [1991]): Identitätslogik und Gewalt. Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Feminismus. In: dies.: Pendelbewegungen – Annäherungen an eine feministische Gesellschafts- und Subjekttheorie. Aufsätze aus den Jahren 1991-2015. Opladen, Berlin & Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 231-247. [Aufsatz]

Adorno, Theodor W. (2019 [1948]): Bemerkungen zu The Authoritarian Personality von Adorno, Frenkel Brunswik, Levinson, Sanford. In: Eva-Maria Ziege (Hrsg.): Bemerkungen zu ‘The Authoritarian Personality’ und weitere Texte. Berlin: Suhrkamp, S. 21-70. [aus Adornos Nachlass]

Claussen, Detlev (1994): Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt am Main: Fischer. [Monographie]

Gramm, Gerhard (1985): Vom „Zeitkern der Wahrheit“. Anmerkungen zu Geschichte und Wahrheit in der Kritischen Theorie. In: Gerhard Gramm (Hrsg.): Angesichts objektiver Verblendung. Über die Paradoxien kritischer Theorie. Tübingen: Konkursbuchverlag, S. 229-251. [Sammelband-Beitrag]

Grimminger, Rolf (1990): Die Gegenwart und das Erbe der Dialektik der Aufklärung der Vergangenheit. In: ders.: Die Ordnung, das Chaos und die Kunst. Für eine neue Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 11-112. [Buchkapitel]

Hesse, Heidrun (1986): Vernunft-Geschichte im Bannkreis der Wiederholung. Die Grundfigur der Dialektik der Aufklärung: der Mythos vom Immergleichen. In: dies.: Vernunft und Selbstbehauptung. Kritische Theorie als Kritik der neuzeitlichen Rationalität. Frankfurt am Main: Fischer, S. 117-136. [Buchkapitel]

Hindrichs, Gunnar (2020): Unendliche Vorgeschichte. Die Modernitätsbestimmung der Dialektik der Aufklärung. In: ders.: Zur kritischen Theorie. Berlin: Suhrkamp, S. 91-119. [Aufsatz]

Institut für Sozialforschung (Hrsg.) (1991 [1956]): Soziologische Exkurse. Nach Vorträgen und Diskussionen. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt. [Sammelband]

Kamper, Dietmar (1987): Aufklärung – was sonst? Eine dreifache Polemik gegen ihre Verteidiger? In: Dietmar Kamper & Willem van Reijen (Hrsg.): Moderne versus Postmoderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 37-45. [Sammelband-Beitrag]

Mensching, Günther (1984): Zu den historischen Voraussetzungen der „Dialektik der Aufklärung“. In: Michael Löbig & Gerhard Schweppenhäuser (Hrsg.): Hamburger Adorno-Symposion. Springe: Zu Klampen, S. 25-45. [Sammelband-Beitrag]

Neckel, Sighard (2005): Die Verwilderung der Selbstbehauptung. Adornos Soziologie: Veralten der Theorie – Erneuerung der Zeitdiagnose. In: Axel Honneth (Hrsg.): Dialektik der Freiheit. Frankfurter Adorno-Konferenz 2003. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 188-204. [Sammelband-Beitrag]

Raulet, Gérard (1986): Gehemmte Zukunft. Zur gegenwärtigen Krise der Emanzipation. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand. [Monographie]

Reijen, Willem van; Schmid Noerr, Gunzelin (Hrsg.) (1987): Vierzig Jahre Flaschenpost: ‚Dialektik der Aufklärung‘ 1947-1987. Frankfurt am Main: Fischer. [Sammelband]

Schmid-Noerr, Gunzelin (1997): Zur Ideengeschichte und Aktualität der Dialektik der Aufklärung. In: ders.: Gesten aus Begriffen. Konstellationen der Kritischen Theorie. Frankfurt am Main: Fischer, S. 19-50. [Aufsatz]

Schweppenhäuser, Hermann (1986): Sprachbegriff und sprachliche Darstellung bei Horkheimer und Adorno. In: Alfred Schmidt & Norbert Altwicker (Hrsg.): Max Horkheimer heute: Werk und Wirkung. Frankfurt am Main: Fischer, S. 328-348. [Sammelband-Aufsatz]

Vogelmann, Frieder (2022): Adornos und Horkheimers emanzipierendes Wissen. In: ders.: Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie. Berlin: Suhrkamp, S. 96-136. [Buchkapitel]

Ziege, Eva-Maria (2009): Antisemitismus und Gesellschaftstheorie. Die Frankfurter Schule im amerikanischen Exil. Frankfurt am Main: Suhrkamp. [Monographie]

Texte von Jürgen Habermas und Axel Honneth auf Anfrage erhältlich.

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