Adorno und der Wert – ein erkenntnistheoretisches Problem? | Ein Vortrag von David Schutzbach
26. Mai , 19:00 – 21:00
„Der Philosoph, das zusehende Bewusstsein, das den Begriff entfaltet, ist die Kritische Theorie; aber wer spielt die Rolle des erscheinenden Wissens? Wer macht die Erfahrung der gesellschaftlichen Objektivität und vor allem, wie macht er sie?“ (Helmut Reichelt)
Erscheint dem Philosophen – den Reichelt hier die Kritische Theorie nennt – die Gesellschaft so, wie sie ist? Ist das erscheinende Wissen gleichzeitig die Art und Weise, nach der Gesellschaft verstanden, oder eben gewusst werden kann? Wozu muss dann erst ein Begriff der Gesellschaft entfaltet werden, wenn sie ‚wie von selbst‘ erscheint? Reichelt hat diese Fragen selbst auf Adornos Marx-Lektüre bezogen; einen Schritt, den ich in diesem Vortrag (ganz ohne Reichelt) nachvollziehe, nämlich, dass dieser Begriff von Gesellschaft nur im Anschluss an die Kritik der politischen Ökonomie möglich ist. Ich werde aber andere, nicht-philosophische Fragen aufwerfen: bedarf es einer Erkenntnistheorie der Gesellschaft? Ist die Gesellschaft, die uns jeden Tag umgibt – umgibt sie uns, oder sind wir sie? – nicht selbstverständlich, einfach da, als die, die sie ist? In diesem Vortrag wird die Rolle der Erkenntnis der Gesellschaft entlang des Werks von Adorno entfaltet und über den Weg beantwortet, den die Erkenntnis historisch selbst in Form von (philosophischem) Wissen ging: Über die Anfänge der Philosophie in Griechenland, wo zuerst das Problem der Abstraktion entdeckt und sogleich verdeckt wurde; über die neuzeitliche Revolution der Wissenschaften, die auch die Philosophie für alle Zeiten versehrte; bis hin zu Adornos Gegenwart und den Philosophien, die in dieser wirken, und uns auch heute noch heimsuchen: Positivismus und Ontologie, oder: Tatsachenklauberei und Volksphilosophie.
Dass hier (vorerst) nicht explizit Marx oder der Marxismus vorkommen, hat bei Adorno Gründe, die ich im Laufe des Vortrags zuspitzen will: Marx steckt in Adornos Methode, der Dialektik. Über den historischen Nachvollzug der Philosophie hinweg will ich Adornos Zeitdiagnose erklären, die nach Auschwitz und im Spätkapitalismus vor dem Problem steht, Philosophie überhaupt zu rechtfertigen. Dabei stellen beide – die große Katastrophe und die Gesellschaft, die sie hat vorbereiten helfen, und heute kräftig weiterhilft – ein philosophisches Problem dar, das weit über einen äußeren Einfluss auf die Philosophie hinausgeht, und vielmehr das Denken, oder wie gedacht wird, betrifft; das antike Problem der Abstraktion ist auch ein heutiges, das reale, oder objektive Gründe hat. Eine sich real vollziehende Abstraktion ist das Problem, das Adorno versucht, anzugehen: den Wert als Konstitutionsbedingung der Gesellschaft wie des Denkens. Eine Erkenntnis- als Gesellschaftstheorie ist zugleich Anlass wie Ziel des Vortrags und gibt Einblick in die Methode Adornos, die immer noch nicht ganz aufgedeckt ist, lässt sich ihr doch nicht viel darüber entlocken, wie Philosophie, Soziologie, Kulturkritik und viele weitere Betätigungsfelder Adornos in einem engen inneren Zusammenhang stehen. Dieser Vortrag will diesem Zusammenhang nachgehen und begründen, warum er besteht.
