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SUMMARY:Oh\, ihr Menschenbrüder (Albert Cohen) | Lesung mit Renate Obermaier und Heinzl Spagl
DESCRIPTION:Während Albert Cohen in Frankreich als Schriftsteller ersten Ranges gilt\, ist er hierzulande beinahe unbekannt. Oh\, ihr Menschenbrüder (fr. Ô vous\, frères humains) begriff er als sein Testament. In dem Alterswerk wendet sich Cohen\, der sich dem Tode nahe sieht\, seinem sehr viel jüngeren Ich zu und teilt darin seine Erfahrung mit\, die ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte. Als er an seinem zehnten Geburtstag von einem französischen Straßenhändler als Jude beschimpft wird\, bricht für ihn eine Welt zusammen. Was folgt\, ist eine Erschütterung\, wie sie womöglich nur die Literatur darzustellen vermag. Der Antisemitismus\, der ihm in der alltäglichsten Szene entgegenschlägt\, ist nicht mehr der alte\, christliche Antisemitismus\, sondern der radikale Antisemitismus der Dreyfus-Affäre. Dieser Antisemitismus hat – wie Cohen selbst festhält – seinen Fluchtpunkt in den deutschen Vernichtungslagern. \n\n\n\nDie Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem Referat Politische Bildung des StuRa der TU Dresden\, dem Alternativen Zentrum Conni und dem ça ira-Verlag\, in welchem Albert Cohens Werk 2024 in deutscher Übersetzung erschien.
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SUMMARY:Die Deutschen und das Brot – Überlegungen zum Sozialdarwinismus| Ein Vortrag von Simeon Winter
DESCRIPTION:Wer kennt es nicht\, die wehmütigen Klagen im Urlaub\, wenn es mal wieder nur labberiges Weißbrot gibt und kein reichhaltiges Vollkornbrot. Der deutsche Kulturmensch weiß\, was gut ist\, und das hat ihm die UNESCO auch noch mit dem Weltkulturerbe beglaubigt. Das deutsche Brot ist das Beste\, das ist doch klar. Deshalb gilt: Wer „deutsch“ sagt\, sagt auch Liebe zum Brot\, ob er will oder nicht. So unschuldig-unbefangen die Neigung\, sich gediegen ein Brot zu schmieren\, auch sein mag\, lässt sich im Elend des Ganzen nichts Unberührtes herausscheiden und zum positiv Guten erheben. \n\n\n\nNun soll aber nicht das Anliegen des Vortrags sein\, im Nachweis der spezifisch deutschen Verhältnisse zum Vollkornbrot\, welche sich bis in die Blut- und Boden-Ideologie des NS verfolgen lassen\, ein Plädoyer für „Sammys Sandwich“ zu halten. Dabei liegt dies historisch nicht einmal allzu fern\, denn in der Sorge um die Wehrfähigkeit und Autarkie der Ernährung des deutschen Volkskörpers sollte das Brot von deutschem Boden die Importe von industriell und damit dem organisch Guten widersprechendem Weizenmehl aus den USA ersetzen. Auch wenn es für die Pointe dienlich wäre\, lässt sich gewiss keine nahtlose Kontinuität des Nachlebens des Nationalsozialismus in der Liebe zum Brot herstellen. \n\n\n\nDer Vortrag wird sich deshalb vermittelt über das Brot dem sich in dieser unscheinbaren Ware kristallisierenden gesellschaftlichen Verhältnis annähern. In der Darstellung der Voraussetzungen für die Möglichkeit\, dass Natur und Gesellschaft in dieser Weise verschmolzen werden\, letztere nicht mehr erscheint und erstere unhintergehbar schicksalhaft wird\, soll der Versuch unternommen werden\, dies nicht im Sinne einer historischen Erklärung in dem Vergangenen beruhen zu lassen\, sondern durch den Nachvollzug auch versucht werden\, etwas über das „Wie es ist“ heute zu zeigen.
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SUMMARY:Aufhören! (Kein) Kongress
DESCRIPTION:Einspruch gegen die Katastrophe\, die sich Leben nennt\n\n\n\n\n\n\n„Im Verhältnis des Einzelnen zum Körper\, seinem eigenen wie dem fremden\, kehrt die Irrationalität und Ungerechtigkeit der Herrschaft als Grausamkeit wieder\, die vom einsichtigen Verhältnis\, von glücklicher Reflexion so weit entfernt ist\, wie jene von der Freiheit.“ (Dialektik der Aufklärung\, S. 247) \n\n\n\n„In der Selbsterniedrigung des Menschen zum corpus rächt sich die Natur dafür\, daß der Mensch sie zum Gegenstand der Herrschaft\, zum Rohmaterial erniedrigt hat.“ (Ebd.)  \n\n\n\n\n \n\n\n\nUnseres Erachtens zeigen sich sowohl Notwendigkeit als auch Drang zur Kritik in derAlltäglichkeit von Leiderfahrungen\, denn diese sind nicht zufällig oder bloß privat\, sondern Ausdruck des objektiven Zwangs zur Identifikation mit dem gesellschaftlichen Ganzen. Unter dem Diktat der selbstgeschaffenen abstrakten Herrschaft und den damit einhergehenden Imperativen zu Disziplinierung und Kontrolle von Psyche und Körper –schon diese Resultat jener – muss sich in einer durch Tausch\, allseitiger Konkurrenz und (Selbst-)Verwertung strukturierten Gesellschaft behauptet werden. \n\n\n\nWo und wie ist Kritik unter den Bedingungen der Totalität der kapitalistischen Gesellschaft\, in der die Logiken von Warentausch und (Selbst-)Verwaltung alle Lebensbereiche\, Bedürfnisse und Selbstverhältnisse durchdringen\, überhaupt noch möglich? Uns stellt sich die Frage nach der Grundlage eben jener Kritik\, die den Anspruch erhebt\, sich gegen die Zwänge der Totalität zu richten\, wenngleich sie doch\, dem Begriff der Totalität nach\, Teil eben dieser ist? Es lässt sich so viel Leid und Zerstörung in der Welt anprangern\, dass ein Blick auf die Schlagzeilen der Tageszeitungen ausreichend sollte\, um mit Gewissheit sagen zu können\, dass aufhören muss\, was ist. \n\n\n\nDabei nehmen wir an\, dass Geschichte und Gegenwart von der Tatsache gezeichnet sind\, dass Leid nicht sein soll und doch alltägliche Normalität ist. Es steht eben nicht außerhalb des Alltags\, sondern wird in seinem Inneren produziert und verwaltet. Diese (scheinbare) Aporie gerinnt im geschichtslos gewordenen neoliberalen Denken zu einem Dogma\, das sie als naturwüchsig und mithin als alternativlos erscheinen lässt. Die (Selbst-)Unterdrückung des Körpers ist Teil der Naturbeherrschung\, die Adorno undHorkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Grundbewegung bürgerlicher Subjektwerdung beschrieben haben. Die Konstitution des autonomen Ichs ist verschränkt mit der Unterwerfung innerer und äußerer Natur. Herrschaft reproduziert sich so im Selbstverhältnis der Subjekte. \n\n\n\nDie Erfahrungen von Leid\, Erschöpfung\, Angst\, diffusem Unbehagen und dem Gefühl\, dass „etwas nicht stimmt“\, dass eine innere Leere sich immer wieder geltend macht\, verweisen darauf\, dass die Identifikation des Einzelnen mit dem Ganzen nicht restlos aufgeht. Gleichwohl werden auch jene Erfahrungen psychologisiert und funktionalisiert. Ob in therapeutischen Settings\, Resilienztrainings oder Achtsamkeitsprogrammen – vielfach geht es darum\, Subjekte schlicht wieder arbeits- und konkurrenzfähig zu machen\, wobei das Leiden individualisiert und ent-gesellschaftet wird: seine Ursachen verschwinden hinter medizinischen Diagnosen und Selbstoptimierungsimperativen\, die sich heute auch als vermeintliche Zartheit tarnen können. \n\n\n\nUm diesem Elend als vereinzelte Einzelne zu entfliehen\, wird sich immer wieder auch in der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identifikation mit konsumierbaren Bildern und Vorstellungen ergangen\, um sich selbst einreden zu können\, dass man doch etwas Besonderes oder Teil von etwas Höherem ist. Hierin zeigt sich aber auch die Relevanz unserer Fragestellung: Lässt sich durch die Kritik der als vereinzelt daliegenden Leiderfahrungen deren allgemeiner Anteil freilegen? Kann die Hinwendung zu konkreten\, uns immer auch selbst betreffenden Alltagserfahrungen einen Zugang zur gesellschaftlichen Totalität eröffnen – ohne diese als unmittelbare zu fetischisieren\, als etwas Authentisches zu verklären oder bloß moralisch zu überhöhen? Wenn Kritik heute noch möglich ist\, dann vielleicht dort\, wo die Identifikation mit dem Ganzen leiblich gespürt wird – in Bewusstwerdung des Leids\, das sich eben nicht vollständig integrieren lässt\, obschon selbst der Versuch mittlerweile Produkt der Verwertung ist. Wir möchten den Kein-Kongress als Versuch verstehen\, diesen Zusammenhang von Körper\, Leid und Totalität theoretisch zu durchdringen. Dabei geht es nicht um die Feier subjektiver Betroffenheit\, sondern um die Freilegung des gesellschaftlichen Gehalts individualisierter Erfahrungen. Wenn das Leiden der Einzelnen nicht einfach privat ist\, sondern Ausdruck eines allgemeinen Zwangszusammenhangs\, dann könnte in seiner reflektierten Artikulation ein Moment von Kritik liegen.
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